Darmstädter Abgründe: Jobcenter Team best!agers (50plus) – Antreten an der Laderampe

Sonntag, 10. August 2014, 20:58

fasan-2Nicht erst nach den weltbekannten Romanen von Upton Sinclair (u.a. Der Dschungel, 1906) wissen wir, welche Errungenschaften die Gewerkschaften mittlerweile in ihrer weit über hundertjährigen Geschichte erkämpft haben: Eine Humanisierung des Arbeitsmarktes, weg von demutshaften Erniedrigungen auf der Suche nach Arbeit um jeden Preis.

Logo Jobcenter DarmstadtDass diese Zustände auch 2014 noch nicht der Vergangenheit angehören, zeigt leider u.a. die Existenz des sog. Tagelöhnerstrichs in Frankfurt am Main, auf dem sich werktäglich viele Menschen zu einem Hungerlohn den oft miesen Jobs fragwürdiger Arbeitgeber anbieten müssen.

 

 

Ursel BechtelIn Darmstadt ist es wieder einmal der Kreativ-Abteilung des Jobcenters – dem Team Jobs für best!agers – um Leiterin Ursel Bechtel vorbehalten, gesellschaftlich überwunden geglaubte Zustände ins neue Jahrtausend zu transferieren.

Verpackt wird dies unter dem euphemistischen Begriff “Begleitete Bewerbung“, unter dem unkritische Zeitgenossen eher ein sozialromantisch verklärtes Händchen-Halten eines Bewerbungsprofis für unsichere Erwerbslose verstehen könnten.

Die Darmstädter Realität ist eine andere und erfolgt in erster Linie mittels Vorladung:

Fasan-SchildSie haben sich zwecks eines Bewerbungsgespräches am (xyz) um 9:45 Uhr auf dem Hof der Fasan-Wäscherei in der Heimstättensiedlung einzufinden. So der unmissverständliche Jobcenter-Klartext an einen langjährigen GALIDA-Mitstreiter.

Original Jobcenter Darmstadt Einladung zur Wäscherei Fasan

So fanden sich dann am Morgen dieses Tages insgesamt 8 BewerberInnen nebst Jobcenter-Mitarbeiter Herr Engler an der Laderampe der Fasan-Wäscherei ein. Alle waren erstaunt ob der Vielzahl an BewerberInnen, doch die große Zahl gehört hier wohl zum Konzept:

Was früher der Patron war, mutiert in dieser realen Geschichte zu einem der Besitzer der Fasan-Wäscherei, den Brüdern Felter.

Erste Handlung: Ohne je eine Bewerbungsmappe der Angetretenen gesehen zu haben, wird nach Nasenspitze aussortiert: Den, den und den können wir hier nicht gebrauchen. Die einzige Frau hört ebenfalls Klartext: Frauen können wir hier auch nicht gebrauchen.

Gut das da ein Mitarbeiter des Jobcenter anwesend war, werden jetzt viele denken. Der kann wenigstens bezeugen, in welcher Art und in welchem Tonfall hier mit nach Arbeit suchenden Menschen umgegangen wird. Doch Herr Engler schweigt. Kein Wort zur Selektion von Erwerbslosen. Kein Ton zum Ausschluss von Frauen. Kein Abbruch der offiziellen Jobcenter-Veranstaltung an der Laderampe des Betriebsgeländes.

Im Gegenteil: Einer der Erwerbslosen macht deutlich, dass er unter diesen Umständen nicht in diesem Betrieb arbeiten, er sich aber die Veranstaltung bis zum Ende anhören wolle. Die bisherige Bewegungsstarre des Herrn Engler findet hier ein jähes Ende: Mit großer Empörung verweist er ihn unmittelbar vom Hof. Diese Sache klären wir dann im Jobcenter, ruft er dem Erwerbslosen noch nach.

Jobcenter Darmstadt: Vorsicht prekär!Obwohl Art und Umgangsweise des Herrn Felter eigentlich ein energisches Einschreiten von Seiten des Jobcenter notwendig gemacht hätte, führt das Schweigen letztendlich zum Kern des Problems: Die faktische Komplizenschaft des Teams best!agers des Jobcenter mit jedem Arbeitgeber, der auch nur ansatzweise einen möglichen Job vorgibt.

Übrig bleibt am Ende unser GALIDA-Mitstreiter, der natürlich einen Blick hinter die Kulissen dieses wahrlich ehrenwerten Betriebes werfen möchte. Die Gelegenheit hierzu folgt postwendend. In drei Tagen kostenloser „Probearbeit“ für die Fasan-Wäscherei bekommt er mit, wie hier mit Mitarbeitern umgegangen wird: Rauer Tonfall, Muskelkraft statt Maschineneinsatz, überall defekte Dinge, welche die Arbeit noch schwerer machen, keine Sicherheitsschuhe vom Betrieb, der Sozialraum darf nicht genutzt werden, ständiger Arbeitsdruck von Vorgesetzten. Arbeitsende ist dann, wenn die Arbeit vollständig gemacht ist, vorher nicht. Überstunden aufschreiben? Auf welchem Planeten leben sie denn?

Am vierten Tag der vom Jobcenter verlangten Gratis-Arbeit in der Wäscherei Felter ist dann auch der Chef anwesend: Der Arbeitsdruck steigt dadurch noch mehr. Aufgrund der hohen Temperaturen der Wäsche direkt nach dem Kochwaschgang erleidet unser Mitstreiter Hautirritationen an den Armen. Somit ist die Arbeit für ihn beendet. Der Chef legt einfach den Hörer auf, als er am folgenden Tag mit ihm hierüber sprechen will.

Team 50 plus Bestager Jobcenter DarmstadtNun werden einige sagen, bestimmt war das eine einmalige Aktion des best!agers-Teams bei der Wäscherei Fasan. Hier müssen wir enttäuschen: Uns liegen zwei Zeugenaussagen von unterschiedlichen Veranstaltungen dort vor. Die Teamleiterin Frau Bechtel scheint davon überzeugt zu sein, dass in derartigen Beschäftigungsbedingungen wie in der Fasan-Wäscherei die Zukunft ihrer Klientel liegt.

Doch wir möchten helfen:

Als erste Maßnahme der innerbetrieblichen Weiterbildung haben wir Frau Bechtel einen Band von Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ übergeben. Auf das es hilft, zukünftige „kreative Aktionen“ des Teams best!agers im Jobcenter Darmstadt menschenfreundlicher zu gestalten.

Doch wir fragen uns: Was passiert mit Erwerbslosen, die sich diesen Schikanen widersetzen? Erhalten diese postwendend eine Sperrzeit durchs Jobcenter?

Dient die „Begleitete Bewerbung“ vor alle der Generierung von kostensparenden Sanktionen?

Schluss mit erniedrigenden Zwangsbewerbungen in latent gesetzwidrigen Betrieben!

2 Antworten zu: Darmstädter Abgründe: Jobcenter Team best!agers (50plus) – Antreten an der Laderampe

  1. Warum wird hier nicht sofort rechtlicher Widerstand geleistet?
    Ich meine, Zwangsarbeit ist schlicht verboten – und um nichts anderes handelt es sich hier, wenn vom JC unter Androhung von Repressalien zu einer unbezahlten Arbeit verpflichtet wird.

    Ich hätte der zuständigen Dame ganz persönlich mit rechtlichen Schritten und Haftung für allfällige persönliche wie gesundheitliche Schäden gedroht – und ggfs. auch durchgesetzt.

    Leibeigenschaft sollte wirklich der Vergangenheit angehören und irgendeine dahergelaufene Staatsdienerin (wenn‘ überhaupt eine ist, vielleicht ist sie selbst befristetes Schaf) hat mir als freiem Bürger dieses Landes schon mal gar nichts zu befehligen. Diese Leute sollten nie vergessen, dass nicht nur die Alos staatlich alimentiert werden, sie selbst werden es auch. Nämlich aus Steuergeldern die auch Alos aus ihrer kärglichen Unterstützung in Form von Mwst etc. zahlen.