Glosse: Was sind eigentlich Stoffel?

Mittwoch, 18. Mai 2011, 14:10

 

Es lohnt sich, sich einmal mit dem Begriff „Stoffel“ auseinanderzusetzen. Den Begriff „Du Stoffel“ verwenden wir in der deutschen Sprache ja häufig, er ist Umgangssprache. Doch was ist damit wirklich gemeint? Was sind z.B. politische „Stoffel“?

Etwa dieser Mann? … über den die Zeitung „Südkurier“ am 14.4.11 schrieb:
„Der Freiburger Dompfarrer Claudius Stoffel hat nach einer Alkoholfahrt seinen Führerschein verloren. Der katholische Geistliche und Chef der Freiburger Münstergemeinde war mit 1,4 Promille Alkohol im Blut Auto gefahren und dabei einen Unfall verursacht, sagte eine Sprecherin der Kirche in Freiburg.“
Nein, dieser Pfarrer, der einfach unachtsam zu tief ins Glas geschaut hatte, ist sicher nicht mit dem Begriff „Stoffel“ gemeint, zumal er seine Sünden bereut … und für seinen Nachnamen kann er nun wirklich nichts.
Umgangssprachlich, abwertend gemeint bedeutet „Stoffel“ etwas anderes:
Zitat:
1. ein unhöflicher / unfreundlicher / schweigsamer Mensch
2. ein dummer Mensch
Quelle des Zitats s. Index der Redensarten:
Man hat es also nicht leicht, sollte man zufälligerweise den Namen „Stoffel“ tragen, Hänseleien sind da von Kindesbeinen an zu erwarten.
Das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache verdeutlicht den Zusammenhang:
Zitat:
Stoffel m. ‘Tölpel, ungeschickter Kerl’ (16. Jh.), Kurzform von Christoffel, der Koseform des männlichen Eigennamens Christoph(orus), griech. Christophóros (Κριστοφόρος), eigentl. ‘Christus tragend’ im Sinne von ‘ihn hervorbringend’ (von der Geburtsstadt Bethlehem), übertragen ‘Christus in sich tragend, Christusverehrer’; vgl. griech. -phóros (-φόρος) ‘-tragend, -träger’, zu griech. phérein (φέρειν) ‘tragen, hervorbringen’. Der heilige Christophorus gilt als einer der vierzehn Nothelfer (gegen Wetterschaden und schnellen Tod) und als Patron der Schiffer, Fährleute, heute auch der Autofahrer. Nach einer aus dem Namen gebildeten Legende soll er das Christuskind durch einen Strom getragen haben. Er wird als ungelenker, einfältiger, gutmütiger Riese vorgestellt; sein in der Kurzform Stoffel auf Personen übertragener Name entwickelt sich zum Appellativum. stoff(e)lig Adj. ‘ungeschickt, ungelenk, tölpelhaft’ (19. Jh.).“
Tölpel und ungeschickte Kerle gibt es in unserer Gesellschaft sicherlich massenhaft, besonders in der Politik.
Betrachten wir einmal den Landtag NRW:
„Stoffel“ wohin man schaut und die Fraktion der Die Linke könnte sich eigentlich, je nach Ansichtsweise, auch direkt in „Stoffelfraktion“ umbenennen, wenn man ihr tölpelhaftes und ungeschicktes Gebaren in der Politik betrachtet.
Nun sollte man Die Linke NRW in diesem Zusammenhang nicht einseitig schelten, wenn man die Politik des Landtages NRW insgesamt betrachtet, scheint es dort von Stoffeln geradezu zu wimmeln.
Aber auch auf der politischen Bundesebene passt der Name „Stoffel“ häufiger, als wie man denkt.
Man betrachte nur die ganzen gefälschten Doktorarbeiten, nahezu jeden Tag kommt ja ein neues Plagiat an das Tageslicht.
Nach etymologischen Wörterbuch würde man ein solch stoffeliges Verhalten als „ungeschickt, ungelenk, tölpelhaft’“ bezeichnen, je nach Auslegung. Kanzlerin Merkel sah es wohl so, als sie meinte, sie hätte Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg ja nicht wegen seiner Doktorarbeit, sondern wegen seiner politischen Qualifikation berufen.
Eine andere Auslegung eines solch stoffeligen Verhaltens im Umgang mit Doktortiteln käme je nach Rechtsauffassung wohl in den Bereich der strafrechtlich relevanten Handlungen, denn auch bei „Stoffeln“ gilt, auch wenn sie als „ungeschickt, ungelenk, tölpelhaft’“ angesehen werden, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt, zumal wenn je nach Fall auch noch vorsätzlich gehandelt wurde.
Aber auch der Bundestag scheint voller „Stoffel“ zu sein, wenn man sich seine politischen Entscheidungen anschaut und von der Regierung wollen wir gar nicht erst reden, der, welcher da kein „Stoffel“ ist, hebe bitte die Hand …
Wir haben es in unserer Republik scheinbar mit einem neuen Massenphänomen zu tun:
Dem „Stoffel“tum
Mir sind z.B. aus NRW mehrere Fälle bekannt, wo sich nebenberufliche Internetblogger Journalistenausweise, die eigentlich nur für hauptberufliche Journalisten vorgesehen sind, erschlichen haben sollen.
Warum sollten es die kleinen „Stoffel“, die es allerorten gibt, auch bei uns in Oberberg gibt es reichlich davon, es den grossen „Stoffeln“ aus Politik und Wirtschaft nicht gleich tun?
Ach so, hätte ich beinahe vergessen, da gibt es ja noch Begriffe wie Anstand und Moral, Eigenschaften, die in der zukünftigen „Stoffel“republik Absurdistan, vormalige Bundesrepublik Deutschland, aber wohl immer weniger wert zu sein scheinen.
Wir sollten uns vor den „Stoffeln“ hüten, die uns allerorten auf lauern, denn den Namen „Stoffel“republik Absurdistan fände ich für mein Heimatland nun wirklich nicht prickelnd.
Oder sollte ich mit den „Stoffeln“ heulen, morgen meine Doktorarbeit an der Universität Waldbröl einreichen, nebenbei noch einen Presseausweis beantragen und Mitglied im „Club der deutschen Stoffel“ werden, dann könnte ich es politisch und/oder finanziell weit bringen, oder?

Eine Antwort zu: Glosse: Was sind eigentlich Stoffel?

  1. Sowas wie obenstehender Text kommt dabei heraus, wenn man versucht, eine Pointe zu Tode zu reiten.

    Als ‚NRW’ler sollte der Autor eigentlich wissen, dass in der Verwendung der Bezeichnung ‚Stoffel‘ für jemanden, der durch Ungeschicklichkeit sich selbst schadet, eine mit dem Appell an dessen vernünftige Einsicht in gemachte Fehler verbundene Nachsicht mitschwingt, so wie im Begriff ‚Tölpel (oder ‚Tolpatsch‘) ‚auf das Possierliche ‚barmherziger‘ Bezug genommen wird – zumindest von denjenigen, die sich in ähnlicher sozialer Lage mit dem Delinquenten befinden: So können unter Gaunern derjenige, der aufgrund einer Dummheit erwischt wird, von seinen Gaunerkollegen, ein beim Lügen ertappter Politiker von seinen Standeskollegen, ein bei Bilanzbetrug aufgeflogener Manager von seinen Kasten-Genossen als Stoffel bezeicnet werden, ohne dass ihnen dabei die ‚Liebenswürdigkeit‘ abgesprochen würde – dieses Urteil über die soziale Schädlichkeit des Handelns und den ‚Unwert‘ der damit verbundenen charakterlichen Haltung bleibt der Öffentlichkeit (unbeteiligte Dritte + negativ Betroffene) vorbehalten, und sie sollte es auch fällen. Aber nicht wie der Autor -nolens volens- die Delinquenten als ‚Stoffel‘ vermeintlich diskredieren, tatsächlich aber entschuldigen – als wüssten die nicht, was sie tun. Kritik ist bekanntlich ein scharfes Schwert, und das zu führen setzt gedankliche Schärfe voraus: Satire, die nicht sicher trifft, fällt auf den Urheber zurück. Und nicht jede ‚gutgemeinte‘ Dummheit ist ’stoffelig‘, sondern wie dieser Glossenbeitrag -würde man ihn denn für relevant halten- wegen offensichtlicher Blödheit schlicht ärgerlich