Satire: „Fröhliche Adventszeit“

Mittwoch, 7. Dezember 2011, 21:28

von Dieter Carstensen
Es geschah dieser Tage, um genau zu sein, am Nikolaustag diesen Jahres, in einem Supermarkt meiner hügelreichen Heimatstadt, als Rentnerin „Emmy P.“ (104 Jahre jung), „Kiffer-Paule“, begeisterter Gras Fan, hat aber keinen eigenen Rasenmäher, (18 Jahre jung, er sieht aber aus wie 108 Jahre), „Sprit-Willy“, bekennender Alki (43 Jahre, wird aber nie wie 100 Jahre alt aussehen, da Alk konserviert), „Paula K.“, Mutti von 3 Kindern (39 Jahre, sieht aus wie 25 Jahre, eine große Drogeriemarktkette bewirkt da „Wunder“ mit ihren Kosmetika), „Heinrich M.“, (47 Jahre, Pastor, evangelisch, verheiratet, 7 Kinder, Ökofanatiker), der NIKOLAUS (Beruf und Familienstand leider unbekannt, von mir geschätztes Alter ca. 708 Jahre) und ich, (reales Alter 55 Jahre, Alter des Aussehens, höchstens 25 Jahre) durch einen Zufall zusammen trafen.

Es war relativ spät abends, kurz vor Ladenschluss, als ich den Supermarkt betrat.

Er war rappelvoll, weil der Laden an dem Abend Rummarzipanbrote der Marke „Friss Dich dick“, à je 500 Gramm, für nur 19 Cent pro Stück, Schokoladenweihnachtsmänner der Marke „Weihnachtsuff“ à je 1000 Gramm, gefüllt mit schottischem Glenfiddich Whisky (500 Milliliter), Single Malt, für nur 1.99 Euro, Barbiepüppchen für die Kinder, der Marke „Bundesangi“, mit Hosenanzügen zum Wechseln, für nur 4.99 Euro, die große Weihnachtsbibel für Anfänger, Marke „Der Papst lebt“, für nur 9.99 Euro und den Korn der Marke „Trink Dich Dumm“ für nur 99 Cent pro Liter im Angebot hatte.

Der Renner des Abends waren die hübschen Plastikadventskränze vom VEB Plaste Leipzig, Marke „Freiwillige Feuerwehr“, mit echten Kerzen (4 Stück), elektrischem Feuermelder und Feuerlöscher, gratis inklusive, für nur 7.99 Euro und automatischer Risikolebensversicherung für die Hinterbliebenen, gegen den bescheidenen kleinen Aufpreis von nur 999.99 Euro, also praktisch fast für lau.

Als das Verkaufspersonal dann auch noch die angekündigte Überraschung frei gab, auf die wir alle warteten, gab es kein Halten mehr!

Der Verkaufsüberraschungshit waren 499 HDTV – Fernseher der Marke „Gottschalk for ever“, Breitbildschirm, 300 cm Diagonale, mit Werbeunterbrechungssensor und automatischer Chips- oder Bier holen Pausen Erkennung, für nur 99 Euro je Stück!

Eigentlich wollte ich ja nur Butter kaufen, die war mir ausgegangen und saure Gurken für meine Salamischnittchen.

Es kam aber alles ganz anders!

Dummerweise hatte ich den Supermarktprospekt mit dem Hinweis auf die Sonderangebote nicht im Briefkasten gehabt, hat wohl so ein fauler 400 Euro Jobber für seine satten 2.99 Euro Stundenlohn mal wieder nicht in meinen Briefkasten geworfen, sonst wäre ich niemals im Leben ohne Stahlkappenschuhe, Bodyguards, Schussweste und Panzer um die Zeit in den Supermarkt gegangen.

Aber ich wollte meine Butter und meine Gewürzgurken! BASTA!

Also habe ich mich mannhaft in das Getümmel gewagt, bin ja keine Memme.

Als erstes latschte mir „Kiffer Paule“ auf die Füße: „Ey Alter, wo finde ich denn das Gras?“ – Ich habe gesagt: „Wir leben auf dem Land, gibt es draußen vor der Tür in Massen umsonst.“ Fand er wohl nicht so gelungen meine Antwort, er zog dann mit dem Abschiedsgruß „alter Spießer“ von dannen. Das „alt“ habe ich ihm echt übel genommen.

Ich schob mich also weiter durch die wabernden und tobenden Massen, um an meine Butter und Gewürzgurken zu kommen.

ZACK, AUA!

Ich dachte, das gibt es nicht, wer fährt mir denn da mit Absicht einen vollen Einkaufwagen in die Hacken?

Ich wollte schon schimpfen, aber dann erkannte ich Oma „Emmy P.“. Wo es denn die schicken Barbiepüppchen für ihre 27 Urenkelinnen gäbe, fragte sie. Ich sagte nur, dass die links neben dem Gurkenregal zu finden seien und bat die Supermarktsverkäuferin um zwei Pflaster für meine blutenden Hacken, der alten Frau wollte ich nicht sagen, was ich wirklich gedacht habe, als sie mir die Hacken lädierte. Bin eben ein höflicher Mensch und habe Respekt vor dem Alter.

Dann fuhr mir Paula K. mit ihrem voll überladenen Einkaufswagen über die Zehen, gerade nachdem ich die Pflaster an den Hacken aufgeklebt hatte, sagte laut „Sorry“ und stürmte mit Vollgas mitten durch die Menge Richtung Sonderangebot Adventskränze.

Derweil versuchte ich verzweifelt an meine Gewürzgurken zu kommen, quetschte mich durch die enthemmte Menge, die Richtung des Fernsehersuperangebots schob und gegen die eine Büffelstampede geradezu ein Freizeiturlaub sein muss.

Endlich!

Ich nahm gerade mein Glas Gewürzgurken aus dem Regal, als Sprit-Willy von hinten gegen mich stolperte und nuschelnd fragte, wo denn der Korn Marke „Trink Dich Dumm“ zu finden sei. Als gutherziger Mensch habe ich die Gurken stehen lassen und ihn zum Spritregal gebracht.

Das hätte ich aber besser sein lassen sollen!

Wie aus dem Nichts tauchte hinter mir jemand auf, ich hatte mich endlich an das Butterregal durchgekämpft und meine Butter schon in der Hand, als es laut tönte:

„Hosiannah Dieter, Weihnachten naht!“

Es war natürlich Heinrich, der Pastor, den ich seit zig Jahren kennen und er suchte das Bibelweihnachtssonderangebot, er wolle davon, so erklärte er mir , 5000 Stück an die schwarzen Schäfchen seiner Gemeinde als Weihnachtsgabe verteilen.

Als freundlicher Mensch habe ich ihn gefragt, ob ich beim Einkauf helfen könne?

Das war mein Fehler, nach einer Stunde hatten wir beide all die Bibeln endlich an sein Auto geschafft und verstaut.

Also hatte ich zu dem Zeitpunkt die Hacken lädiert, die Zehen halb platt gefahren und Rückenschmerzen, da so Bibeln mehr wiegen, als Gewürzgurkengläser oder Butter.

Mittlerweile war ich vollkommen entnervt und stocksauer über den ganzen Adventseinkaufsterror und hätte am liebsten den ganzen Supermarkt in die Luft gesprengt und sogar auf meine Butter und die Gewürzgurken verzichtet.

Ich war also vollkommen entnervt, wütend und sauer, als aus dem Dunkeln vor dem Supermarkt von hinten eine dunkle Stimme tönte:

„Kann ich helfen?“

„Ja“ sagte ich, „besorg mir Dynamit, gegen den Weihnachtseinkaufsterror hilft nur noch Gewalt!“

*Nanana“, sagte die dunkle Stimme aus dem Dunkeln, „dreh Dich mal rum, ich bin es doch.“

Ich drehte mich rum, sah einen alten Mann mit weißem Rauschebart, einem roten Karnevalskostüm und einem Kartoffelsack über dem Rücken hängen.

„Oh nein“ dachte ich, „jetzt soll ich auch noch den aus der Klappse entflohenen Alten beim Einkauf helfen.“

Aber es kam ganz, ganz anders und ich schäme mich für all meine bösen Gedanken …

„Dieter“, sagte der alte Mann zu mir, „keine Angst, Du kennst mich nicht mehr. Als Du klein warst, hast Du mich immer NIKOLAUS genannt und Dich immer mit einem ganz tollen Gedicht bei mir bedankt, wenn ich Dir am Nikolaustag eine Kleinigkeit in Deinen Stiefel gesteckt hatte.

Heute habe ich auch wieder eine Kleinigkeit für Dich. Ein Glas Gewürzgurken, eine Packung Butter und als EXTRA ein Marzipanbrot, was Du als Kind schon immer so gerne gegessen hast.“

Dann stieg der alte Mann in seinen Rentierschlitten, den ich vorher gar nicht bemerkt hatte und fuhr lautlos in die Lüfte davon.

Ich aber stand fassungslos mit dem Glas Gurken, der Butter und dem Marzipanbrot in der Hand da und habe gedacht:

„Wie viele Menschen in diesen Zeiten des Weihnachtskonsumterrors wären wohl glücklich, wenn auch Ihnen einfach mal jemand ein Glas Gewürzgurken, eine Packung Butter und ein Marzipanbrot schenken würde, weil selbst das für sie in diesen Zeiten der Massenarmut manchmal Luxus ist?“

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