Land soll Stuttgart 21 mit Großauftrag erkauft haben

Sonntag, 15. August 2010, 23:36

Cottbus (ots) – Wer die Sollbruchstellen in der politischen Landschaft der Bundesrepublik ergründen will, fährt derzeit am besten nach Stuttgart – mit der Bahn. Er wird auf einem schönen Bahnhof ankommen, einem architektonischen Kleinod, auf das die Schwaben stolz sind und das als heimliches Wahrzeichen der Landeshauptstadt gilt. Er wird sehr schnell feststellen, dass dieses Bahnhofes wegen die Emotionen hochgehen bei den ansonsten eher zurückhaltenden Einwohnern des Musterbundeslandes. Denn was von der seit Jahrzehnten dort regierenden CDU als das Zukunftsprojekt angepriesen wird, der weitgehende Abriss und Neubau der Bahnanlagen in der Stadtmitte, mobilisiert inzwischen einen Massenprotest, der an den legendären Aufstand der badischen Winzer gegen den Bau von Kernkraftwerken erinnert. Der hatte in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts weitgehende Wirkung, war einer der entscheidenden Faktoren für die Entstehung der Grünen. In Stuttgart kommt derzeit vieles zusammen, was auch andernorts die Bürger beunruhigt. Sie erleben Manager, die weder Fahrpläne noch Klimaanlagen in den Griff bekommen, dafür aber für die Zukunft das Blaue vom Himmel versprechen. Sie erleben Politiker, deren Fehler den Steuerzahler Milliarden kosten, die sich aber felsenfest überzeugt geben, dass sie diesmal alles im Griff haben. Zehntausende von Stuttgartern sehen darin inzwischen eine gefährliche Mischung aus Ignoranz und Größenwahnsinn. Aber anstatt sich einfach nur abzuwenden und in die weitverbreitete Verdrossenheit zu flüchten, gehen viele von ihnen plötzlich auf die Straße. Da kommt dann die Meldung vom Wochenende, dass Bahn und Landesregierung das ganze Projekt auch noch nach unlauteren Gegengeschäften auf die Gleise brachten, wie gerufen. Sie bestätigt all die Vorurteile, wonach zwischen den offiziellen Verlautbarungen und der Wirklichkeit die Kluft immer größer wird. Das Stuttgarter Bahnhofsprojekt gewinnt angesichts der Protestbewegung allmählich eine ganz neue Dimension. Es steht weit über Baden-Württemberg hinaus als Symbol für die Unfähigkeit der Politik, die Menschen mitzunehmen bei den Plänen für eine bessere Zukunft. Eine immer größere Zahl von Wählern reagiert darauf nicht nur mit abgrundtiefem Misstrauen, sondern zunehmend auch mit aktivem Widerstand und der Forderung nach Bürgerentscheiden. Stuttgart könnte also tatsächlich zum Zukunftsprojekt werden- allerdings ganz anders, als sich das die scheinbar allmächtigen Christdemokraten einmal vorgestellt hatten.