CSU-Bundestagsabgeordneter bezeichnet Erwerbslose als „faule Grippel“

Donnerstag, 11. September 2014, 20:49
MDB Stephan Stracke (CSU)

MDB Stephan Stracke (CSU)

Erwerbslosen Forum Deutschland verlangt Rüge durch den Bundestagspräsident

Berlin – In der heutigen Plenarsitzung des deutschen Bundestags hat der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke junge Erwerbslose als „faule Grippel“ verunglimpft. Das Wort „Grippel“ kennen anscheinend nur Insider aus dem Allgäu. Jeder andere versteht darunter „Krüppel“. Nach einer Lobeshymne auf deutsche Arbeitsgeber, die angeblich für beste Ausbildungsplätze sorgen würden, sagte Stracke wörtlich: „ Es nutzt nichts noch so viele Hilfesysteme zu implementieren, bereit stehen zu haben, wenn man halt ein fauler Grippel ist und einfach nicht arbeiten will.“ (1) Einzig die Linken-Abgeordnete Katja Kipping kritisierte ihn dafür heftig und macht deutlich, dass auf sieben Ausbildungsplatzsuchende nur ein Ausbildungsplatz zur Verfügung stehen würde. Nach ihrer Rede stellte Stracke nochmal seine Position dar und sagte, dass „Grippel“ ein „bayrisch-allgäuischer Slang“ ist…“Das ist jemand, der beispielsweise zurückhaltend seiner Arbeit, äh, nachgeht“(2)

Dazu Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forum Deutschland:

Stephan Stracke hat m. E. bewusst diese Verwechselung ins Spiel gebracht, um auf junge Erwerbslose einzudreschen. Schließlich stehen ja Verschärfungen im Bereich Hartz IV an und da ist es gut, wenn man direkt Sündenböcke herzaubert, um die Verschärfungen zu rechtfertigen. Selbst Wikipedia kennt dieses Wort nicht und es ist davon auszugehen, dass wirklich nur Insider dieses Wort kennen. Da nützt auch nicht seine anschließende Richtigstellung, dass natürlich keine Krüppel gemeint wären, sondern junge Erwerbslose, die keinen Ausbildungsplatz gefunden hätten und deshalb faul seien. Alleine dafür hätte er schon gerügt werden müssen, wenn man junge erwerbslose Menschen so verunglimpft.

Unsere herrschende Politik braucht anscheinend immer wieder Typen wie Westerwelle, Sarrazin und jetzt auch Stracke, die Erwerbslose diffamieren. Gesellschaftpolitisch ist so etwas unwürdig.“

 

Wortwörtliche Passage von Stephan Stracke:

(1) „Es nützt nichts noch so viele Hilfesystem zu haben, wenn man halt einer fauler Grippel ist und einfach nicht arbeiten will, sondern dann muss man ihn entsprechend ertüchtigen und die notwenigen Sanktionen notfalls auch ausüben, um in diesen Bereich auch Jungendliche den richtigen Weg zu führen.“

(2) „Das was ich gesagt habe ist vielleicht ein bayrisch-allgäuischer Slang, in dem Bereich, wenn man von einem ,faulen Grippel‘ spricht. Es ist kein Krüppel, sondern ein ,Grippel‘. Das ist jemand, der beispielsweise zurückhaltend seiner Arbeit, äh, nachgeht. Und das war gemeint und keine in irgend einer Art und Weise Verunglimpfung, so wie Sie (Abgeordnete Katja Kipping) verstanden hatten, äh, und äh, deswegen, äh, bitte ich hier dies entsprechend zur Kenntnis zu nehmen.“

6 Antworten zu: CSU-Bundestagsabgeordneter bezeichnet Erwerbslose als „faule Grippel“

  1. Gabriele Hamacher

    Das Gedankengut dieses Herrn ist wohl eher braun als schwarz. Menschen öffentlich zu diskriminieren, sie noch zu beschimpfen, ist nicht nur ein Zeichen von mangelnder Kinderstube, sondern zusätzlich zeigt es, dass das Denken dieses Herrn wohl in einem absoluten Vakuum stattfindet.

    Haben Sie selber schon mal richtig gearbeitet? nicht nur Reden geschwungen? Erst das vormachen und selber können, was man von anderen erwartet.

    Es ist eine Schande, zeigt, wie weit Deutschland gesunken ist, wenn öffentlich derart über arbeitslose Menschen hergezogen wird.

  2. Ich habe mir den Redeausschnitt mehrfach angeghört – und eindeutig „Krüppel“ verstanden.

    Im übrigen ist die Geschäftssprache des Deutschen Bundestages die deutsche Schriftsprache. Und nicht irgend ein regionales Idiom.

  3. „Guten Tag, Herr Stephan Stracke, CDU/CSU, Jurist, geb. 1. 4.1974 in Marktoberdorf; römisch-katholisch; verheiratet!

    Als offiziell bescheinigter Krüppel (oder „Grippel“, wie Sie es wohl heiter auszudrücken pflegten) möchte ich Ihnen heute auch einmal etwas mitteilen.

    Sie beliebten ja öffentlich im Bundestag Erwerbslose als „faule Grippel“ zu bezeichnen, wie ich hören musste.
    Frau Kipping hat Ihnen ja dort dann direkt schon etwas dazu gesagt – leider war sie viel zu höflich, finde ich.
    Jemand der so brachial austeilt wie Sie – den erreicht doch so etwas gar nicht mehr, oder?

    Aber noch mal zu mir. Ein Krüppel bin ich in der Tat – zumindest in Ihrer christlich – sozialen Nomenklatur.
    GdB 50%, Schwerbehinderter, anhand Krebserkrankung.

    Ich war sogar eine Zeitlang mal ganz direkter Adressat Ihrer „heiteren Botschaft“ – denn ich habe u.a. vor Jahren als Arbeitsloser eine Arbeitslosen – Initiative mitbegründet.
    Damals hatte ich zwar noch keinen Krebs, verfing mich aber immer mehr in meiner Suchterkrankung (Schwerpunkt Alkohol / Tranquilizer). Dies ist übrigens eine Erkrankung, die selbst von den Krankenkassen bereits seit 1968 als solche anerkannt ist.

    Christlich – soziale Menschen wie Sie traf ich damals nicht. Dafür aber andere, die halfen und mir Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichten.
    Nach der Überwindung der Sucht und nun über zwei Jahrzehnten des zufriedenen, rückfallfrei abstinenten Lebens, passt es nun also nicht mehr so ganz mit dem „FAULEN Krüppel“. Denn ich bin nun seit weit über 15 Jahren vollzeit im Öffentlichen Dienst beschäftigt, habe vordem ein Diplom und einen Magistergrad erworben.

    Aber Krüppel – passt ja noch, bzw. wieder!
    Und: es gibt weitere Berührungspunkte zu Ihrem Thema heute.
    Denn ich war vor 2005 einige Jahre Sozialfachkraft im Sozialamt. Wissen Sie – das ist so etwas ähnliches, wie es die Fallmanager im jobcenter ursprünglich einmal sein sollten.
    So ein Fallmanager war ich dann ab 2005 auch – bis 2011. Als ich da aus 16 Monaten Krebsbehandlung zurück kam, fand ich eine neue Führungsriege vor. Und wurde im Verlauf von 5 Monaten unschön hinaus gebosst (= mobbing durch Vorgesetzte). Ich passte da wohl mit meinen pädagogisch – psychologischen Ausbildungen, u.ä. nicht mehr so wirklich zur Truppe des ehem. Bataillonskommandeurs Herrn F.J. Weise.

    Als ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer, Diplom – Sozialarbeiter und als Erziehungswissenschaftler, sowie eben Ex – Fallmanager – verurteile und verabscheue ich Ihre Äußerung und Ihre entsprechende Attitüde zutiefst! Und als Mensch.

    Ein anderer Mensch, der vor längerer Zeit lebte (ich weiß nicht, ob Sie je von ihm hörten, Jesus Christus der Name) sagte einmal sinngemäß: „Hasse die Tat – nicht den Täter!“
    Das finde ich gut. Aber manchmal fällt das leichter – manchmal schwerer.

    Herr Stephan Stracke, christlich – sozialer Politiker. Sie gehören nicht in den Bundestag. Sie sollten gehen. Dringend.

    Gruß
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    67063 Ludwigshafen
    Ex – Fallmanager im jobcenter

    https://www.facebook.com/video.php?v=824598260905502

  4. Kann man hier als Privatperson Klage einreichen oder nur diese Rüge verlangen? Eine Rüge hätte ja keine Folge. Für mich ist § 187 erfüllt. Ich hoffe, ihr werdet es tun. Ich würde diese Klage unterstützen oder auch alleine einreichen.

  5. 5.262.001 Personen müssen im August 2014 ALGI/ALGII Hilfeleistungen beziehen.
    3.760.694 Personen waren laut offiziellen BA – Bericht im August 2014 unterbeschäftigt.
    515.000 freie Stellen…
    „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande“ Ludwig Thoma.
    Noch Fragen?

  6. Eine Entschuldigung?
    Einen Rücktritt!
    Durch eine Entschuldigung würde das Gedankengut dieses asozialen Herren dieser „christlichen“ Partei sicherlich NICHT aufgefrischt…