Rede an die Mitmenschen

Donnerstag, 5. Juli 2007, 20:31

Viele Gründe könnten mir eine Rede vor Euch widerraten, Mitmenschen, wenn  nicht die Liebe zu meiner Heimat und unserem Land alle Bedenken überwände: die Macht einer Clique, eure Nachgiebigkeit, die Rechtlosigkeit und am stärksten die Tatsache, daß Rechtschaffenheit mehr Gefahr als Ehre bringt. Denn es verdrießt einen, darüber zu sprechen, wie ihr in den letzten Jahren der Spielball für den Hochmut der „Wenigen“ gewesen seid, wie schmählich und wie ungesühnt eure Verteidiger zu Grunde gegangen sind – die Gewerkschaftsmacht, die Menschen in den ehemals demokratischen Parteien- , wie euer Selbstbewusstsein durch Trägheit und Halbherzigkeit verkommen ist, wenn ihr selbst jetzt, wo eure Feinde Schuld auf sich geladen haben – als da sind die Grundgesetzverletzungen und die Menschenrechtsverletzungen , nicht aufsteht und auch jetzt noch die fürchtet, denen ihr Schrecken einjagen müsstet. Obwohl das so ist, fühle ich mich trotzdem innerlich gezwungen, der Macht jener Clique entgegen zu treten. Ich jedenfalls will die Freiheit, die mir von meinem Vater übergeben wurde, nutzen. Doch ob ich das vergeblich oder mit Erfolg tue, das, Mitmenschen, liegt in eurer Hand.

In den vergangenen Jahren habt ihr euch nur stumm darüber empört, daß die Staatskasse ausgeplündert wurde, daß große und größte Unternehmen ihre Steuern nur in geringer Höhe –  oder gar keine Steuern mehr –   zahlen, daß dieselben Leute höchstes Ansehen und größten Reichtum besitzen. Trotzdem hatten sie noch nicht daran genug, daß sie solche Handlungen straflos begehen konnten, und so wurden schließlich die Gesetze, euere hohe Würde, die ganze göttliche und menschliche Ordnung an die Feinde ausgeliefert. Und die, die diese Dinge taten, empfinden keine Scham oder Reue, sondern stolzieren vor euren Augen großtuerisch daher, weisen ihre Parteiämter und sonstigen Titel vor, zum Teil auch ihre Triumphe (Kursgewinne, Aktiengewinne, etc.) , als ob sie diese als Ehre, nicht als Beutegut besäßen. Um wenig Geld gekaufte Sklaven ertragen eine ungerechte Herrschaft ihrer Herren nicht; ihr aber, Bürger, als Herrscher geboren – denn:  „Alle Macht geht vom Volke aus“ heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – lasst euch mit Gleichgültigkeit eine Sklaverei gefallen?

Doch was sind das für Leute, die den Staat in Besitz genommen haben? Verbrecherische Unmenschen mit blutbefleckten Händen – denn sie liefern Waffen an Kriegsparteien und töten in Afghanistan und anderswo auf der Welt – mit deutschen Kampfflugzeugen unschuldige Männer, Frauen und Kinder –  von ungeheuerlicher Habgier, ganz schuldbeladene und zugleich hochmütigste Leute, denen Anstand, Treue, Pflichtgefühl, kurz: alles, ob ehrenhaft oder nicht, zum Geldmachen dient.

Ihren Schutz haben sie darin, dass ein Teil von ihnen Parteispenden gegeben hat,  daß andere widerrechtliche Verhöre durchgeführt, die meisten aber Einfluß auf die frei gewählten Abgeordneten nehmen und ihnen bei Gefälligkeiten später hohe Posten in Unternehmen zuschanzen oder sie mit Beraterverträgen kaufen.

Viele verdienen ihr Geld mit Waffen und anderen zerstörerischen, umweltfeindlichen Technikprodukten. Unsere Lebensgrundlage, die Erde,   ist ihnen völlig gleichgültig, da sie wähnen, sich bei Gefahren auf einsame Inseln zurück ziehen zu können oder sich hinter den privaten und öffentlichen Sicherheitsdiensten oder den Soldaten des Staates gegen die von ihnen selbst herauf beschworenen Umweltkatastrophen und die von ihnen zermürbten und erzürnten Bürger wehren zu können.

Je schlimmer einer also gehandelt hat, desto sicherer ist er. Die Furcht, die sie wegen ihrer Verbrechen haben müssten, haben sie wegen eurer Feigheit auf euch weiter geschoben; daß sie dasselbe begehren, dasselbe hassen, dasselbe fürchten hat sie zu einer Einheit zusammen geführt. So etwas heißt unter Guten Freundschaft, unter Schlechten aber Partei.
Wenn ihr euch solche Sorge um eure Freiheit machen würdet, wie jene sich für ihre Herrschaft erhitzen, dann würde der Staat wirklich nicht so verheert wie jetzt, und eure Ämter kämen an die Besten, nicht an die Frechsten. Eure Vorfahren haben, , um sich ihr Recht zu schaffen, und ihre Würde zu begründen, mit Waffen gekämpft, und ihr wollt euch für eure Freiheit , die ihr von ihnen empfangen habt, nicht mit äußerster Kraft einsetzen –  und zwar um so nachdrücklicher, je beschämender es ist, Erworbenes wieder preiszugeben, als es überhaupt nicht erworben zu haben?

Es wir nun einer sagen: „Was beantragst Du also?“ Dass man gegen die, die den Staat an den Feind – die maßlose Habgier und die von ihr Besessenen –  verraten haben, einschreiten solle, aber nicht mit Tötung und Gewalt – das wäre für Euch als Vollstrecker schändlicher als für sie, die es träfe -, sondern durch Verhöre, durch Aussagen, Beweise und Gerichtsprozesse – außer,  ihr habt von ihrer Zwingherrschaft noch nicht genug und es gefallen euch besser als unsere demokratischen Zeiten jene früheren, als Könige und ihre Cliquen die gesamte politische Verfügungsgewalt in den Händen einiger weniger  hielten.

Obwohl ich es als große Schande für einen Mann betrachte, ein Unrecht ohne Vergeltung hinzunehmen, würde ich es doch mit Gelassenheit tragen, daß ihr gegen so verbrecherische Menschen nachsichtig seid, – da sie ja auch Bürger sind – wenn Mitleid nicht ins Verderben führte. Denn bei der großen Impertinenz, die sie haben, wäre es ihnen nicht genug, dass sie straflos Schlechtes tun konnten, falls ihnen nicht die Möglichkeit, zukünftig Schlechtes zu tun, genommen wird, und ihr werdet in ständiger Angst und Sorge leben, bis ihr begreifen wollt, daß man entweder als Sklave sein Dasein fristet, oder die Freiheit mit den Fäusten behaupten muss. Denn welche Hoffnung auf Vertrauen oder Zusammenhalt gibt es noch? Jene wollen herrschen, ihr wollt frei sein, jene Unrecht begehen, ihr verhindern; schließlich behandeln sie unsere Leute wie Feinde, unsere Feinde aber wie Verbündete. Kann es bei so verschiedenen Denkweisen Frieden oder Freundschaft geben?
Darum fordere ich euch dringend auf, dass ihr solche Verbrechen – gegen die Allgemeinen Menschenrechte und die Erde – nicht ungestraft durchgehen lasst. Hier wurden zwar auch Unterschlagungen von Staatsgeldern begangen, Handlungen, die zwar auch belastend sind, aber aus Gewohnheit bereits als Nichtigkeiten angesehen werden. Dem schärfsten Feinde ist das Ansehen des Staates preisgegeben worden – indem seine Einrichtungen verhöhnt wurden, wie z. B. seine sozialen Sicherungssysteme, seine Schulen, seine Energiewirtschaft und seine Wasserversorgung  – preisgegeben auch eure Machtbefugnis, im Frieden und im Krieg ist der Staat zum Ausverkauf gestanden. Wenn diese Vorgänge nicht untersucht werden, wenn gegen die Schuldigen nicht vorgegangen wird, was wird dann noch übrig bleiben, als dass wir denen, die das taten, in unserem Leben Gehorsam leisten? Denn ungestraft zu tun, was einem passt, das heißt „König“ sein. Ich fordere euch, Bürger, ja nicht auf, dass ihr falsches Handeln eurer Mitbürger lieber wollt als richtiges, sondern nur, dass ihr durch Nachsicht mit den Schlechten nicht die Guten zu Grunde richtet. Ferner ist es in einem Staat viel besser, eine Wohltat zu vergessen, als eine Übeltat: der Gute wird höchstens lässiger, wenn man ihn nicht beachtet, der Schlechte aber dreister. Ferner: wenn es keine Rechtsverletzungen gibt, hat man nur selten Hilfe nötig.

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Diese „Rede an die Mitmenschen“ habe ich bearbeitet  und entwickelt aus einer Rede des Volkstribunen Gaius Memmius, die ich in dem Werk von Sallust, einem römischen Historiker der Zeitenwende, fand.

Quelle: Sallust; Werke; Sammlung Tusculum; Herausgegeben v. K. Bayer, M. Fuhrmann, G. Jäger; © 1985 Artemis Verlag; dort: Der Krieg mit Jughurta
Klaus Jäger; www.cluster1.eu ; im Juli 2007