Die Gedankenkontrollen der westlichen Demokratien

Samstag, 18. August 2007, 13:55

Effizienter als Diktaturen  – von Klaus Jaeger 

Gedankenkontrolle? Bei uns? „Gibt’ s doch nicht.“, hört man immer wieder.  Längst, so könnte man meinen, wäre  jedes Tabu in den westlichen Gesellschaften gebrochen, denn man wähnt sich ja in der deutschen Gesellschaft  so locker und tolerant, so weltbürgerlich, demokratisch, frei und umfassend gebildet durch die deutschen mainstream Zeitungen wie Rheinische Post, WAZ, NRZ, Süddeutsche Zeitung, Spiegel, Focus, taz  etc. , durch Privatfernsehen, Werbeclips, Fernsehserien,  ein zerfallendes Bildungssystem und den Marktliberalismus der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender.

Eine weitere Ursache für den toleranten Umgang mit jedem freien Gedanken sehen wir sicherlich auch in dem seit über dreißig Jahren wiederholtem  Bekenntnis zur Marktwirtschaft, insbesondere durch Leute wie Sabine Christiansen oder Günter Jauch, die nicht müde werden, die in den Vorstandsetagen der Konzerne und Interessenverbände hockenden „Verteidiger der Freiheit und Menschlichkeit“ in ihre Talkshows einzuladen und dort ihre Menschenfreundlichkeit zur Schau stellen zu lassen …. OK, den letzten Satz  meine ich nicht ernst und werde mich ab sofort jedes Zynismus enthalten, denn Zynismus ist die Waffe des Haltlosen.

Nicht zuletzt sind es die „Volksvertreter“ in den Regierungen selber, die durch die Art und Weise ihrer Medienpolitik der Gedankenkontrolle Vorschub und Beihilfe leisten, indem sie die staatlichen Sender mit den ihren Parteien treu Ergebenen besetzen und dort für die Generallinie der Programminhalte sorgen. Zweitens haben sie durch die Zulassung der Privatsender, die nur durch kapitalkräftige Leute und deren Unternehmen  aufgebaut werden konnten, – trotz aller Warnungen –  den Interessen dieser kapitalkräftigen Minderheit den Weg in die Wohnzimmer der Menschen geöffnet. Und man scheut sich nicht, alle subtilen Mittel der Meinungsmache und Manipulation einzusetzen.  Viele Leute wollen dies überhaupt nicht wahr haben, weil diese Kritik von einem in mainstream media unbekannten Autor wie mir kommt; nicht nur die, denen ihre Ignoranz nutzt, sondern auch solche, die unzufrieden mit den sozialen Zuständen sind. Man bezweifelt auch, dass es  seit der Antike bekannte Techniken und Mittel der Beeinflussung der öffentlichen Meinung gibt, die auch heute genutzt werden.

Deshalb will ich hier wiedergeben, was ein international renommierter Wissenschaftler, Noam Chomsky, zur Funktionsweise von Gedankenkontrolle in den westlichen Demokratien in einem Interview von August 2007 in „Le Monde diplomatique Nr. 8348“   mit dem Franzosen Daniel Mermet über Gedankenkontrolle äußerte:

„Mermet: Fragt man einen Starjournalisten oder Nachrichtenmoderator, ob er je zensiert wurde, wird er stets antworten, er sei in seiner Meinung völlig frei. Wie funktioniert die Gedankenkontrolle in einer demokratischen Gesellschaft?
Chomsky: Wenn man Journalisten fragt, sagen sie in der Tat sofort: "Niemand hat je Druck auf mich ausgeübt, ich schreibe, was ich will." Das stimmt auch. Würden sie jedoch Meinungen jenseits der herrschenden Norm vertreten, dürften sie ihre Leitartikel nicht mehr schreiben. Es gibt natürlich Ausnahmen: Auch meine Artikel werden gelegentlich publiziert, die USA sind ja kein totalitärer Staat. Aber wer gewisse Mindestanforderungen nicht erfüllt, hat keine Chance, ein prominenter Journalist zu werden.

Das ist übrigens einer der großen Unterschiede zwischen der Propaganda totalitärer Staaten und den Verhältnissen in demokratischen Gesellschaften. In totalitären Systemen – ich vereinfache etwas – gibt der Staat die Linie vor, und alle müssen sich daran halten. In Demokratien funktioniert das anders. Die "Linie" wird niemals als solche benannt, sondern stillschweigend vorausgesetzt.

Es ist eine Art "freiwilliger Gehirnwäsche". Selbst die "leidenschaftlichsten" Debatten in den Massenmedien halten sich an implizite, von allen anerkannte Grenzen, die viele abweichende Meinungen ausschließen. Das Kontrollsystem demokratischer Gesellschaften ist überaus effektiv: Die herrschende Linie ist dort so selbstverständlich wie das Atmen. Man bemerkt sie gar nicht und glaubt manchmal tatsächlich, an einer besonders kontroversen Debatte teilzunehmen. Das ist im Grunde viel wirkungsvoller als jedes totalitäre System. Vergessen wir nicht, wie Ideologien durchgesetzt werden. Gewalt allein reicht nicht aus, um Menschen zu beherrschen, sie braucht stets eine Rechtfertigung.

Wenn ein Mensch Macht über einen anderen ausübt – ein Diktator, ein Kolonist, ein Bürokrat, ein Ehemann oder Vorgesetzter -, braucht er eine ideologische Rechtfertigung, und die lautet immer gleich: Alle Zwangsmaßnahmen sind "nur zum Besten" der Beherrschten. Die Macht gibt sich stets großzügig und selbstlos.

[…]
Auch wenn sich im Bereich der Propaganda seit den alten Griechen nicht viel verändert hat, gibt es doch stetige Verbesserungen. Die Instrumente wurden stark verfeinert, paradoxerweise gerade in den freiesten Ländern der Welt, in Großbritannien und den USA. Beide waren schon in den 1920er-Jahren in der Entwicklung der demokratischen Rechte so weit fortgeschritten, dass der Freiheitsdrang ihrer Bürger nicht mehr von der staatlichen Gewalt allein gezügelt werden konnte, weshalb man sich fortan auf die Techniken der "Konsensfabriken" stützte.

Die PR-Industrie stellt Einverständnis, Zustimmung, Unterwerfung her, produziert sie geradezu. Sie kontrolliert die Ideen, die Gedanken und den Verstand der Menschen. Das ist ein großer Vorteil im Vergleich zum Totalitarismus: Es ist sehr viel angenehmer, Werbung zu ertragen, als sich in einem Folterkeller wieder zu finden.“[1]

Ihr habt es oben gelesen und ich wiederhole das : „Wenn man Journalisten fragt, sagen sie in der Tat sofort: "Niemand hat je Druck auf mich ausgeübt, ich schreibe, was ich will." Das stimmt auch. Würden sie jedoch Meinungen jenseits der herrschenden Norm vertreten, dürften sie ihre Leitartikel nicht mehr schreiben.“  Tja, und dann würden auch Starjournalisten arbeitslos werden und könnten sich selber einen lebhaften Eindruck von der Art und Weise der Achtung der Menschenwürde, wie sie von der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert praktiziert wird, verschaffen.  

Diese Leute könnten dann selber die Erfahrungen machen, die Millionen Menschen und ihre Kinder gezwungen sind zu durchleben: die Erfahrungen mit Behörden und Ämtern, Banken und Unternehmen, Nachbarn und Kollegen und sogar Familienangehörigen, die alle früher oder später von ihrer Arbeitslosigkeit erfahren werden. Es gibt zweifellos Menschen, die dann noch zu diesen arbeitslosen Starjournalisten stehen werden, aber diese werden die große und seltene Ausnahme sein. Weitaus häufiger wird man unangenehme  Erfahrungen machen: die schöne Altbauwohnung oder das nette Häuschen am grünen Stadtrand wird nicht von ALG 2 Mietzahlungen bezahlt werden können, man muss die Wohnung wechseln.  Die schwarzen Anzuguniformen und die modische Kleidung, die man als Starjournalist gerne trägt, um seine Modernität und Zugehörigkeit zur herrschenden und relevanten Elite zu demonstrieren, werden nach kurzer Zeit out of fashion sein und man begnügt sich zwangsweise mit Klamotten aus dem Supermarkt. Die Freunde und Kollegen aus den Redaktionen werden auch nicht mehr so oft vorbeischauen und man wird auch nicht mehr so nett beim Italiener Essen gehen können, und sich dort über den letzten Urlaub in Übersee, das Dienstfahrzeug oder das neueste Mobiltelefon unterhalten; eher werden die erwerbslosen Starjournalisten über unbezahlte Rechnungen und leere Kühlschränke zum Monatsende klagen wollen – aber wer hört dann schon zu? Vielleicht wollen sie dann auch über die Schwierigkeiten klagen, die sie haben, sich oder ihren Kindern neue Kleidung zu kaufen, oder auch nur gesundes Essen; sie wollen dann vielleicht auch mal darüber klagen, wie elend und einsam es ohne die Kollegen ist; wie isoliert sie nun in ihrer neuen Sozialwohnung leben, denn zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten benötigt man auch Geld, – Fahrgeld zum Beispiel, oder Vereinsbeiträge, oder Bewirtungsgeld, oder auch nur die Mittel, um kleine Geschenke zu machen, falls man noch irgendwo eingeladen wird.

Vielleicht wollen sie dann auch über die Art und Weise klagen, wie schwierig, zeitaufwendig und kräftezehrend  es ist, ohne Auto die Einkäufe zu erledigen, die getätigt werden müssen;  oder sie wollen darüber sprechen, wie teuer ein Ausweis für die Stadtbibliothek ist, oder sie werden ihrer Empörung Ausdruck verleihen wollen, die sie über die Zuzahlungen bei Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken und Physiotherapeuten zu leisten haben; sie werden auch aus Erfahrung darüber sprechen wollen, was die Deutsche Telekom ihnen an Gebühren für ehemalige  Selbstverständlichkeiten wie Telefon und Internetanschluss abknöpft; sie werden klagen, dass ihre Kinder sie mit Wünschen belagern, die sie beim besten Willen nicht erfüllen können, so pädagogisch wertvoll sie auch sein mögen; sie werden bei ihrer Hausbank kein Lächeln mehr auf dem Gesicht der Sachbearbeiter sehen; sie werden alle ihre Ersparnisse zuerst verbrauchen müssen, bevor ein Sachbearbeiter einer ARGE ihnen ALG 2 bewilligt; sie werden klagen, ihre Versicherungen kündigen zu müssen, ihre Sparverträge und langfristigen Kapitalinvestitionen; sie werden feststellen und anklagen wollen, dass es ihnen nicht mal ohne Genehmigung seitens eines ihnen völlig unbekannten Menschen der ARGE  erlaubt ist, ihre Stadt zu verlassen und sich so in der Lage eines Sklaven wieder finden; sie werden nicht mehr zum Vergnügen in Lokale oder Clubs ausgehen können, sondern zur Befriedigung ihrer Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnisse auf die anspruchslosen Privatmedien und die Staatssender angewiesen sein und sie werden auch nicht mehr mal eben ein Buch, eine CD, eine DVD oder einen ipod kaufen können, geschweige denn einen leistungsfähigeren Computer,   und auch mit den tollen Schnäppchen und dem billigen Nervenkitzel bei ebay Versteigerungen ist es dann aus und vorbei.

Schließlich werden sie auch die Erfahrung des Hungers machen, der Einsamkeit und des Ausgeschlossenseins. Von den Leiden und Entbehrungen, die Milliarden Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien gezwungen sind zu erleben, gar nicht erst zu reden. Nach den o. gen. Erfahrungen  werden die Starjournalisten  vielleicht verstehen können, was es mit den Menschenrechten und dem dort verbürgten Recht auf freie Meinungsäußerung auf sich hat.

Sie werden auch aus Erfahrung wissen, warum wir von der Presse und den Medien als Vierte Gewalt im demokratischen Staatswesen sprechen; warum Presse und Medien als Wächter der Demokratie fungieren sollen und ihnen deshalb verfassungsmäßige Sonderrechte zugestanden werden wie sonst nur Abgeordneten, Ärzten und Priestern: das Zeugnisverweigerungsrecht, das Recht auf den Schutz ihrer Informationsquellen; und das Recht auf freie Meinungsäußerung, das lebenswichtig ist für das Funktionieren der Demokratie. Letzteres steht übrigens immer noch uns allen zu und wurde vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in einem Urteil bestätigt. Das Urteil könnt ihr unter der Internetadresse des Gerichtshofes selber finden oder auch  hier lesen:
http://www.cluster1.eu/urteil-seite-1.htm

Was hindert unsere Starjournalisten und Meinungsfabrikanten, sich dieser Rechte zu bedienen? Es ist allein die Angst vor dem oben beschriebenen sozialen Absturz – , oder sollte ich Feigheit schreiben? Eine Feigheit, die sich über kurz oder lang rächen wird. Denn wer vor Bedrohungen  immer nur wegläuft, ist irgendwann in eine Ecke gedrängt, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

An ängstlichen und willigen Befehlsempfängern hat es in Deutschland noch nie gefehlt, an Befehlsempfängern, die in voraus eilendem Gehorsam die unausgesprochenen Vorgaben der Minderheit der Kapitalbesitzer erfüllen. Dies war nachweislich so zu den Zeiten der Feudalherrschaft, im Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik  und der Nazidiktatur – und so ist es heute. Okay, ich will hier nicht alle Starjournalisten verallgemeinernd in einen Topf werfen. Es gibt durchaus welche, die sich um die Demokratie durch Aufklärungsarbeit und die Übung journalistischer Redlichkeit und Tugenden bemühen. Viele davon finden wir mit ihren Seiten im Internet- z. B. unter www.globalresearch.ca.

Nicht grundlos spreche ich von der „Übung“ journalistischer Tugenden. Denn es bedarf der Anstrengung, des Mutes  und dem Verzicht auf ansonsten – durch Konformität –  leicht zu erhaltende Privilegien, dem herrschenden Zeitgeist des menschenverachtenden, totalen  Marktliberalismus zu widersprechen und seine , in letzter Konsequenz zerstörerischen Wirkungen auf die menschliche Zivilisation und die Erde selbst, die wir in allen Ecken der Welt und bei uns in Deutschland beobachten können, zu widersprechen.

Dieser Widerspruch findet aber außerhalb der Redaktionen von „mainstream media“ bereits statt. Es handelt sich  nicht nur um die im Weltsozialforum vereinigten Organisationen und Einzelpersonen, sondern auch um die weltweit ungezählten privaten Initiativen und auch  Internetprojekte, die auf Missstände in der Demokratie hinweisen. Chomsky sagte in dem hier zitierten Interview: „Die globale Bewegung für mehr Gerechtigkeit tritt ja nicht nur bei den Weltsozialforen in Erscheinung, sondern arbeitet natürlich das ganze Jahr über.

Sie ist ein historisch neues Phänomen, das womöglich den Beginn einer wirklichen Internationale bedeutet. Gibt es ein besseres Beispiel für eine andere Globalisierung als das Weltsozialforum? Gewisse Medien nennen alle, die sich gegen die neoliberale Globalisierung wehren, "Globalisierungsgegner". In Wirklichkeit kämpfen sie doch für eine andere Globalisierung: die Globalisierung der Völker.

Der Unterschied ist sehr deutlich, denn zur gleichen Zeit tagt in Davos immer das Weltwirtschaftsforum, bei dem es um die wirtschaftliche Integration der Welt geht, jedoch im ausschließlichen Interesse der Finanzmagnaten, Banken und Pensionsfonds. Diese Mächte kontrollieren auch die Medien, die folglich die rein ökonomische Integration für die einzige "Globalisierung" halten, die den Namen verdiene.“ (Quelle siehe Fußnote 1)

Hinzufügen möchte ich Chomsky’ s Analyse, dass die Finanzmagnaten, Banken, Konzerne und Pensionsfonds nicht nur die  mainstream Medien kontrollieren, sondern auch über ihre Parteispenden Einfluss auf Parteien nehmen.  

Es ist fast schon überflüssig zu erwähnen, da es die Spatzen schon von den Dächern pfeifen: es gibt hier ein fein gewirktes Netz von Abhängigkeiten: die Parteien wollen mit ihren Meinungen in der Bevölkerung wahrgenommen werden um wieder gewählt zu werden, –  und die Bevölkerung erreichen sie hauptsächlich durch die Massenmedien, mit denen sie sich gut stellen müssen, damit über ihre Politik und ihre Personen berichtet wird.              

Um diese seit der Antike bekannten Einflussnahmen der Herrschenden auf die öffentliche Meinung zu durchbrechen,  und eine freie Diskussion, Meinungsbildung und Entscheidung  über ihre Angelegenheiten in der frei geborenen Bevölkerung zu ermöglichen, legten unsere freiheitsliebenden Vorfahren die demokratischen Grundrechte und Verfassungen in Gesetzen nieder. Es ist nun an unserer Generation, diese Freiheiten für unsere Kinder, Enkel und Nachfahren zu verteidigen.     

Diese Verteidigung der Freiheit ist, trotz aller Bemühungen von mainstream media, , die Heldenhaftigkeit dieser Anstrengung  zu diskreditieren und zu ignorieren, weltweit in vollem Gange. Lest dazu das ganze Interview mit Noam Chomsky hier:
http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007
/08/10.mondeText1.artikel,a0058.idx,20

Noam Chomsky ist Professor am Massachusetts Institute of Technology. Seine Bücher wurden in 23 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien auf Deutsch: "Der gescheiterte Staat", München (Antje Kunstmann) 2006. Daniel Mermet ist Journalist bei France Inter".
Le Monde diplomatique Nr. 8348 vom 10.8.2007, 427 Zeilen, Noam Chomsky Quelle: http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/08/10.
mondeText1.artikel,a0058.idx,20

Dieser Artikel: Klaus Jaeger / www.cluster1.eu ; 18.08.07