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Im Haifischbecken – Momentaufnahme aus der Zeitarbeitsbrache einer Kleinstadt

Am Vormittag des vorhergehenden Tages:

Bei mir zuhause klingelt das Telefon. Eine hektische Frauenstimme ist am Apparat. Der Duktus erinnert mich stark an die Überrumpelungstaktiken von Telefonaquise-Mitarbeiterinen aus Call-Centern.
Die Frau nennt kurz ihren Namen, möchte das ich ihr meine Identität bestätige und beginnt sofort mit einer Art auswendig gelernter Formel aus der ich aber zunächst nicht so recht schlau werde. Ich überlege mir schon einfach aufzulegen, da klärt sich doch noch auf, dass es sich um die Mitarbeiterin einer Zeitarbeitsagentur handelt, vermutlich beauftragt von meiner neuen ArGe-Fallmanagerin. Es geht um eine zu besetzende Stelle eines der wenigen Konsumgüter-Artikel Werke, die es noch in unserer Region gibt, wie mir die Anruferin mitteilt. Das Merkwürdige: Genau die gleiche Stelle war vor etwa einem Jahr von einer anderen Zeitarbeits-Agentur zu Besetzung ausgeschrieben und von der Arbeitsagentur an mich weitergeleitet worden. Allerdings hatte mir schon die Angestellte der ZA von der ich damals betreut worden war gesagt, dass die Stelle nicht – oder nicht mehr zur Disposition stand. Ich bin übrigens Ü50, falls ich das noch nicht erwähnt habe.

Zwischen den beiden Agenturen gibt es jedoch Unterschiede. Die Mitarbeiter der Agentur des Vorjahres waren höflich, freundlich und professionell gewesen. Die jetzige Agentur ist, wie ich später noch erfahren werde, ähhh… drücken wir es mal vorsichtig aus……,anders.

Auf meine Frage um welche Firma es sich denn bei dem Arbeitgeber handeln würde, entgegnet mir die Anruferin, dass dürfe sie mir aus datenschutzrechtlichen Gründen am Telefon nicht sagen. Weiteres würde ich aber bei einem persönlichen Gepräch erfahren können. Sie schlägt vor, das ich am nächsten Tag vormittags zu einem spezifischen Zeitpunkt in die Agentur kommen solle und ich willige ein.

Gestern:

Die Agentur befindet sich im obersten Stock eines kleineren Geschäftsgebäudes in der Innenstadt. Ich muß zunächst klingeln. Die Riffelglastür wird von einem Mitarbeiter geöffnet der zwar fast einen Kopf kleiner ist als ich, dem durchtrainierten Körper, der Art der Körpersprache und dem Blick nach zu urteilen scheint er aber ein zivil gekleideter Security-Mitarbeiter zu sein. Wir mustern uns.

Ich sage ihm, dass ich einen Termin mit Frau Weber habe (Name geändert). Er weist mich an einen Tisch, bis Frau Weber Zeit für mich hat. Dann verschwindet er sofort ohne weitere Informationen zu hinterlassen in einem seitlich abgehenden Büro und schließt die Tür hinter sich.

An dem Tisch sitzt schon eine andere Person die einen Fragebogen ausfüllt. Kurz darauf erscheint Frau Weber. Es handelt sich um die Leiterin dieser Agentur bzw. der Zweigstelle wie sich herausstellt, eine Frau schätzungsweise um die 35-40 Jahre alt. Sie drückt mir auch so einen Fragebogen in die Hand und fragt mich, ob ich Bewerbungsunterlagen dabei hätte. Ich zücke einen USB-Stick und sage ihr, das alle Unterlagen in elektronischer Form als PDF-Dateien vorliegen. Frau Weber ist aber nicht in der Lage, die Daten in ihrem Büro einzulesen, da alle Laufwerke versiegelt sind, "Das geht nur über die Zentrale" sagt sie zu mir. Frau Weber möchte die Bewerbungsunterlagen daher von mir als Print-Version. Das lehne ich ab, weil es mit unnötigen Aufwand und Kosten verbunden ist. Daraufhin räumt Frau Weber mir dann doch die Möglichkeit ein, ihr die Unterlagen auch später per Mail zu zu senden, was ich tags darauf auch tue.

Während ich den einseitigen Fragebogen ausfülle, führt Frau Weber den anderen Klienten zum Ausgang nachdem sie dessen fertigen Fragebogen wieder entgegengenommen hat. Sie verschwindet anschließend ohne weiter Notiz von mir zu nehmen. Ich warte ein paar Minuten, dann gehe ich in die Richtung in die Frau Weber verschwunden ist. Der Bereich in dem ich mich aufhalte ist länglich und in zwei Abschnitte aufgeteilt, ein Abschnitt mit dem Tisch an dem ich warte und am Ende des zweiten Abschnitts sitzt eine Sekretärin an einem Computer. Dahinter macht er einen Rechtsknick, wohin Frau Weber verschwunden ist.

"Warten Sie, Frau Weber kommt gleich".

Die Sekretärin lächelt. Ich gehe zurück und setze mich an den Tisch und warte. Mittlerweile bin ich alleine. Nach einiger Zeit kommen zwei junge Männer herein die nach vorne gehen und sich mit der Sekretärin unterhalten. Frau Weber erscheint und begrüßt einen der Männer, die etwa um die 20 sind, mit Kosenamen. Das Verhältnis scheint privaterer Natur zu sein. Thematisch geht es um Abrechnungen. Einer der Männer bringt eine Quittung. Vielleicht verteilen die Jungen im Auftrag von Frau Weber Flyer der Agentur und machen jetzt ihre Abrechnung. Nach fünf Minuten setzt sich einer der jungen Männer an meinen Tisch und wartet. Nach einiger Zeit beginne ich ein Gespräch über das Wetter. Es ist seit Tagen unangenehm heiß und drückend. Ich erfahre, dass der Junge nicht in der Agentur arbeitet sondern anderweitig eine Ausbildung macht. Er macht einen netten Eindruck. Später frage ich ihn ob er glaube, dass es noch länger dauern würde bis sein Kollege und Frau Weber fertig seien. Er sagt mir, dass sein Kollege eigentlich schon längst fertig sein müsse und er wundere sich selbst über die Verzögerung.

Jetzt entschließe ich mich nach vorne zu gehen, der Sekretärin den ausgefüllten Fragebogen zu geben und ihr vorzuschlagen einen neuen Termin zu machen, falls Frau Weber jetzt keine Zeit habe. Als ich am Knick angekommen bin und in diesen Bereich einsehen kann, erkenne ich zu meiner Überraschung Frau Weber angelehnt in einer Türeinfassung stehen, ihre Fingernägel betrachtend. Von dem zweiten jungen Mann ist keine Spur zu sehen.

"Wenn sie keine Zeit haben, können wir gerne einen neuen Termin machen" spreche ich Frau Weber direkt an ohne die Sekretärin zu beachten. Frau Weber ist sichtlich verlegen. Anscheinend hat sich mich aus psychologischen Gründen absichtlich schmoren lassen und durch meine Eigeninitiative habe ich sie nun bloßgestellt.

"Wir haben hier sehr viel zu tun" entschuldigt sich Frau Weber.

"Aber das macht doch nichts" engegne ich. "Wir können auch gerne einen neuen Termin machen, wie ich ihnen bereits angeboten habe. Der Termin zu diesem Zeitpunkt hier kam aber auf ihren Vorschlag zustande" füge ich jedoch hinzu.

"Na gut, dann kommen sie halt jetzt".

Die Stimme von Frau Weber klingt resigniert. Sie führt mich in einen hinteren Bereich wo wir ungestört sind und holt meine Daten auf ihren Monitor.

"Sie hatten sich für diese Tätigkeit interessiert ?" fragt sie mich. Ich stelle eine Gegenfrage: "Woher haben sie diese Information und meine Daten?"

Frau Weber gibt an, diese von der Arbeitsagentur bekommen zu haben. Ich wollte nur eine Vermutung von mir bestätigen.  Prinzipiell ist der Datenaustausch für mich in Ordnung.

Ich erkläre ihr, dass ich eigentlich zu den Artikeln um die es bei der Arbeitsstelle geht, kaum einen persönlichen Bezug habe, schildere ihr anschließend womit ich bisher beschäftigt war bzw. zu welchem Produktbereich ich einen besseren Bezug habe. Ich sei allerdings nicht wählerisch, füge ich noch hinzu, fände aber das man motivierter in einem Bereich arbeitet, bei dem man auch persönlich dahinter steht. Generell sei ich an der Tätigkeit interessiert.

Ich frage Frau Weber, in welchem Zustand sich denn ihrer Beobachtung nach der Stellenmarkt  befände.
Ohh…." meinte Frau Weber, "Sehr gut, sehr gut! Sie sehen doch, was hier los ist. Die Telefone stehen kaum still"

Ungläubig suche ich in ihrem Minenspiel einen Hinweis darauf, das die Aussage vielleicht ironisch gemeint sein könne. Der gestresste Eindruck den sie auf mich macht, steht dazu jedoch in krassem Gegensatz.

"Ja vielleicht können sie mir dann noch andere Stellen anbieten, die für mich in Frage kommen" hake ich nach. "Können sie mir denn noch eine Alternative anbieten?" frage ich sie.

"Tja…, nun…, wir hätten da noch etwas im Lebensmittelbereich" beginnt sie stockend. "Ich glaube aber nicht, dass das für Sie das Richtige wäre" fährt sie fort.

"Ach wissen Sie, das kann man so generell nicht sagen". versuche ich meine Arbeitsbereitschaft zu demonstrieren und bitte um weitere Informationen.

Es stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei der gesuchten Arbeitskraft um einen Pizzabäcker handelt. Selbst wenn ich zehn Jahre mit einer gigantischen Ausschussquote trainieren würde, würde ich vermutlich nicht mal in die Nähe der geforderten Leistung kommen. Also zurück zur ursprünglich vorgesehenen Tätigkeit.

Frau Weber beschreibt den Arbeitsbereich um den es geht. Merkwürdig kommt mir vor, dass bei den Artikeln aus dem elektronischen Consumerbereich, die laut Stellenbeschreibung in der Firma, gewartet werden, 'gelötet ' werden soll.

Frau Weber erklärt den Vermittlungsweg zwischen mir, ihrer Agentur und dem letztendlichen Arbeitgeber, wobei sie angibt, dass sie  zuerst dem Arbeitgeber verschiedene Personalalternativen zuleitet und dieser dann daraus auswählt. Erst wenn ich zu dieser Gruppe gehören würde, bekäme ich überhaupt Informationen über den Arbeitgeber, erfahre ich.

"Ok, dann machen wir es doch so: Ich habe Interesse an der Tätigkeit und sie leiten meine Daten an den Arbeitgeber weiter" Ich biete ihr nun die Möglichkeit, das Gespräch mit mir zu beenden. Es ist sowieso alles ausgereizt.

Ich hätte zum Schluss gerne noch gewusst, um welchen Arbeitgeber es sich denn handelt und frage Frau Weber noch einmal danach. Auch jetzt möchte sie mir darauf keine Antwort geben. "Wissen sie, wenn sie mit dieser Information zu einer konkurrierenden ZA gehen, dann haben wir einen Wettbewerbsnachteil und das kann uns schaden". Dann fügt sie noch hinzu: "Wir befinden uns hier in einem Haifischbecken"

"Ich weiß…" sage ich zu ihr und lächele kalt. "…und wissen Sie auch warum?" Ich beuge mich vor und sehe direkt in ihre fragenden Augen. "Weil ich nämlich gerade selber dabei bin, zu einem Haifisch zu werden".

Auf meinem Weg dach draußen begegne ich an der Tür einem neuen Klienten. Der Mann ist vielleicht etwas älter als ich. Er trägt ziemlich verschlissene Kleidung und lächelt abwesend, als befände er sich irgendwo an einem anderen, weit entfernten Ort.