Schüler – und Studentenproteste

Dienstag, 1. Dezember 2009, 10:22

Das Schüler und Studenten jetzt auf die Straße gehen, ist überfällig. Sie dürfen nicht – wie so viele andere – unverschuldet im Ausbeutermilieu oder bei Hartz IV landen. Endlich kommt Bewegung in unser verkrustetes Bildungssystem. Schüler und Studenten begehren auf, haben es satt einer Maschinerie aufzusitzen, die viel Geld schluckt, ihren Bildungsauftrag aber weitgehend verfehlt. Hinzu kommen der z.T. erbärmliche Zustand der Schulen, überfüllte Hörsäle, lehrunwillige Professoren, ein missglückter Bologna-Prozess (Bachelor- und Masterstudiengänge) und hohe (Studien-)Gebühren. Es wird höchst Zeit, dass mit diesen Missständen aufgeräumt wird. Wir alle wissen, dass die EU ihren Bildungszielen seit Jahren hinterherhinkt. Die Zahl der Schulabbrecher sollte bis 2010 auf 10% gesenkt werden. Die Zahl liegt heute bei 15 %. Zudem haben sich die Leseleistungen von 15-Jährigen seit 2000 im Schnitt verschlechtert („Rheinische Post“, 26. November 2009). In dieser Gemengelage schneidet Deutschland besonders schlecht ab. Sicher auch deshalb, weil hier zu Lande weniger in die Bildung investiert wird als im OECD-Durchschnitt. Die vollmundigen Ankündigungen von Kanzlerin Merkel, dass Bildung und Ausbildung zu den wichtigsten Säulen der Regierungspolitik gehörten, stehen hierzu in eklatantem Widerspruch.

Gestern schleppte die Polizei Studenten aus der Düsseldorfer Uni, und auch anderswo wird strikt durchgegriffen. Scharfmacher in verschiedenen Medien sind bereits dabei, die „Revolte“ als Revoluzzerstück linker Einzeltäter zu diskreditieren und schaffen damit eine Atmosphäre, die gesellschaftspolitische Spaltung bezweckt. Wenn wir heute nicht lernen, dass Lehrinhalte und Lernbedingungen grundsätzlich reformiert werden müssen, dass wir einen neuen, gut bezahlten Lehrertyp brauchen, der zukunftstüchtige Schüler und Studenten hervorbringt, koppeln wir uns ab. Wer heute das dreifache Geld für einen sinnlosen Afghanistan-Feldzug ausgibt, lebt nicht in dieser Welt. Denn er verspielt das wenige Kapital, das uns bleibt. Wir brauchen – vor allem für Kinder aus problematischen familiären Milieus – eine gute vorschulische Betreuung (Deutschunterricht!) und eine taugliche Ganztagsschule sowie den Verzicht auf das diskriminierende dreigliedrige Schulsystem. Ebenso nötig sind bessere Bedingungen an den Hochschulen (mehr Unihörsäle und Lehrer, die Reparatur des Bologna-Ansatzes und die Abschaffung der Studiengebühren). Vor allem Chancengleichheit ist geboten. Nur so kann es gelingen, das ganze Potential der Lernwilligen auszuschöpfen und die Schule/Universität zu dem zu machen, was wir dringend benötigen: eine Stätte des Lernens, der kreativen Anreize, der gegenseitigen Achtung von Schülern und Lehrern und der Lebensfreude.

Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

PS. Kommt nach Duisburg. Dort gibt es im "Steinbruch" am 2. Dezember, 20 Uhr, mehr zu diesem Thema