Was macht ein Freiburger mit einer Teilzeitstelle in einem Hamburger CallCenter?

Freitag, 26. September 2008, 13:46

Es scheint Mode zu sein, unbequeme Bedürftige in andere ARGEn abzuschieben.  Hier ein Interview zu drei deutschlandweiten Stellenangeboten der ARGE – alle in CallCentern – passend zum 3. Jahrestag der 1. Arbeitsverhinderung durch die ARGE.

Es scheint Mode zu sein, unbequeme Bedürftige in andere ARGEn abzuschieben.  Hier ein Interview zu drei deutschlandweiten Stellenangeboten der ARGE – alle in CallCentern – passend zum 3. Jahrestag der 1. Arbeitsverhinderung durch die ARGE.

Interview zur ARGE Breisgau-Hochschwarzwald – 06.08.2008Radio Dreyeckland – www.rdl.de – ARBEITSWELTRADIO

 

Die Fragen stellte Redakteurin Bernadette Studiogast Bruno (www.kassensturz-jetzt.de)

Bernadette: Ja und heute haben wir wieder einmal Bruno bei uns im Studio, der hat ein paar schöne Unterlagen mitgebracht. Servus Bruno, schön dass du gekommen bist.

 

Bruno: Servus Bernadette

 

Bernadette: Bruno, wir haben es ja schon einmal gesagt. Seit 3 Jahren bist du verzweifelt auf Arbeitsstellensuche. Du hast 2 Berufe. Zum einen hast du einmal Elektriker gelernt und dann bist du noch IT-Kaufmann. Habe ich das richtig in Erinnerung?

 

Bruno: Genau Bernadette: Und du suchst eigentlich auch im IT-Bereich. Nachdem du dich bei deiner Arbeitsgemeinschaft Freiburg, Breisgau-Hochschwarzwald beschwert hast, dass man dir in 3 Jahren nicht ein einziges Bewerbungsvorschlag gemacht hat, bekamst du an einem Tag, wie du mir sagst 3 Stück in 3 einzelnen Kuverts von ein und derselben Sachbearbeiterin und von ein und demselben Tag. Herr Kaiser, wenn Sie unbedingt 8% sparen wollen, fangen Sie mal beim Porto an. Bruno, das sind ja ganz tolle Sachen. Ich habe sie mir durchgeschaut. Alle 3 Stellen beziehen sich auf ein CallCenter. Wolltest du denn das unbedingt?

 

Bruno: Wenn es aussichtsreich ist, dann gerne. Aber es ist einfach vom Angebot her, das übliche CallCenter Angebot. Unfundiert und nur auf die schnelle Mark ausgerichtet anscheinend. 

 

Bernadette: Ja, ich sehe hier gerade bei der ersten, da handelt es sich dann sogar noch um eine Zeitarbeitsfirma…

 

Bruno: Genau

 

Bernadette: … die dich in ein CallCenter verleihen möchte. Und die allergrößte Schärfe. Hast du eine neue Freundin in Friedrichshafen ?

 

Bruno: So viel ich weiß nicht. 

 

Bernadette: Aha, und wie kommt man darauf, dir eine Stelle in Friedrichshafen anzubieten ?

 

Bruno: Das weiß ich auch nicht, was Frau äh Fallmanagerin da machen möchte. Weil die eigene Stelle, die ich in Paderborn gefunden hatte, die hat sie ja hintertrieben. Das ist dieselbe Fallmanagerin die keine Ahnung hatte, wie man einen Kalender liest.

 

Bernadette: Ach, das ist die, die den 10. mit dem 16. durcheinanderbringt.

 

Bruno: Genau, 

 

Bernadette: also die Reihenfolge. Sag uns doch ein bisschen was zu dieser Stelle. Was solltest du da eigentlich machen? Die Rechtsfolgebelehrung ist bei der Unterlage natürlich das umfangreichste.

 

 Bruno: Ich nehme an, es ist um die Rechnungsbearbeitung, Kundenreklamation dürfte es gehen. Das man also den ganzen Tag die lieben Anrufe der Kunden abbekommt, die ihren Frust loslassen und denen man aber nicht weiterhelfen kann, weil CallCenter wimmeln ja nur ab und leiten weiter und "rufen Sie mal da an und dort an". Hauptsache, hau ab, scher dich zum Teufel.

 

Bernadette: Bruno, wie bist du mit diesem Bewerbungsvorschlag umgegangen.

 

Bruno: Ich habe angerufen – das Unternehmen war fit und hat sofort gefragt, wie schaut es aus mit Umzug. Da habe ich gesagt, ja klar. Sobald die Finanzierung geklärt ist, sobald ich genug Geld verdiene, aber da haben die schon gemerkt, dass Friedrichshafen von Freiburg schon etwas entfernt ist und haben sich dann nicht mehr gemeldet. Die haben dann gnädigerweise meine Daten in die Datenbank aufgenommen und das war's dann.

 

Bernadette: von denen wirst du nichts mehr hören?

 

Bruno: Ich glaube nicht.

 

Bernadette: Dann ging es ja weiter – wie ging es dann weiter? Du hast ja noch 2 Vorschläge.

 

Bruno: Jawoll, der nächste war schon etwas fundierter. Auf der angegebenen Telefonnummer hat sich nur ein Fax gemeldet. Auch wieder CallCenter, aber wenn die nicht mal ihre Telefonnummer richtig eingeben können im Arbeitsamtscomputer, was soll man machen?

 

Bernadette: Hast du im Internet geguckt ob du da irgendwie etwas findest?

 

Bruno: Für die Firma CityCall gibt es bei Google 240.000 Angebote

 

Bernadette: Da bist du jetzt noch nicht durchgekommen

 

Bruno: Ich habe mir die ersten 200 angeschaut, die ersten 2 Seiten und da habe ich es nicht gefunden. Auch den Namen gab es nicht und gar nichts. Bei dem Unternehmen hat es nicht mal zu einer GmbH gereicht. Also ich rede jetzt nicht mal von einem Unternehmen, sondern von einer Klitsche im Hintergrund nehme ich an. 

 

Bernadette: Und die war wo?

 

Bruno: Das war sehr angenehm. Die war gerade um die Haustür rum – in Gelsenkirchen.

 

Bernadette: lacht

 

Bruno: über 500 km weg, Friedrichshafen 150, Gelsenkirchen über 500 und das für ein Unternehmen, das anscheinend nicht mal weiß, dass Tel. Telefon heißt, sich aber als CallCenter anbietet.

 

Bernadette: Naja, vielleicht gibt es die schon gar nicht mehr. Bei CallCenters….

 

Bruno: Na gut, die hatten ja angeboten, hohes Gehalt.

 

Bernadette: ein hohes Gehalt

 

Bruno: ein hohes und sicheres Gehalt haben die geboten, was für ein CallCenter, naja, ich will jetzt nicht gerade sagen, von Lüge reden, aber ich betrachte gerade die Decke hier, nicht das die noch runterkommt

 

 Bernadette: Bruno, wenn unser Finanzsenator für 5 Euro die Stunde netto arbeitet, dann kannst du das auch – kriegst hier vielleicht 7 Euro und dann ist es hoch.

Bruno: Genau, wäre auch noch machbar.

 

Bernadette: Also da bist du nicht weitergekommen, du hast da nichts.

 

Bruno: Wenn man die Firma nicht mal erreichen kann, ein CallCenter nicht mehr erreichen kann, dann kann man es fast vergessen.

 

Bernadette: Wie war der Vorschlag drei?

 

Bruno: Das war absolute die Krönung – Arbeitslosenverschickung – auch wieder CallCenter natürlich, mehr ist nicht im Angebot. Aber ein idealer Job, man muss nur nachmittags arbeiten, kann sich die ganze Nacht um die Ohren hauen, kann morgens ausratzen. Das einzige Problem ist, ich frage mich, was ein Freiburg in Hamburg oben soll, in Teilzeit, im CallCenter.

 

Bernadette: Das war das dritte Angebot und alles von der gleichen Fallmanagerin?

 

Bruno: Von der gleichen Fallmanagerin. Die hat zum ersten Mal jetzt reagiert. Ich hatte Sie eingeladen, zu meinem Jahrestag – 3 Jahre arbeitslos, dank ARGE Breisgau-Hochschwarzwald und die Reaktion war dann das hier. 3 Jahre arbeitslos,, 3 Stellenangebote auf ein Mal, das heißt der Schnitt, pro Jahr ein Angebot, wurde erfüllt. 

 

Bernadette: Ja bei dieser Dame habe ich jetzt langsam den Verdacht, sie kann nicht nur einen Kalender nicht lesen, sondern hat auch Probleme mit den Postleitzahlen oder den Landkarten.

 

Bruno: Ich habe Ihr gratuliert zu Ihrer Beförderung, weil es waren ja die ersten Stellenangebote von ihr. Da scheint ihr irgendjemand im Kurs gezeigt zu haben, wie man Stellenangebote ausdruckt. Ich vermute jetzt, dass im nächsten Kurs, in den nächsten 5 Jahren, ihr jemand die Postleitzahlen in Deutschland erklärt, dass Hamburg nicht gerade bei Freiburg liegt, im Nahbereich und dann wird sie auch irgendwann einmal erfahren, wie man sozusagen Stellenangebote bewertet, dass die Leute davon leben müssen, weil was hier kommt, im Angebot "Kundenrückgewinnung, Tarifwechselberatung", also wer heute ohne Flatrate arbeitet und telefoniert, der schmeißt das Geld raus und Leute nachts anzurufen oder spätabends, davon werden wir alle genötigt dabei und belästigt damit, dass muss nicht sein.

 

Bernadette: Kundenrückgewinnung klingt auch nicht gerade vielversprechend und Erfolg versprechend. Hast du dich auch in Hamburg gemeldet?

 

Bruno: Ich habe mich in Hamburg auch gemeldet . Die Leute waren sehr nett. Ich habe mich gleich dafür entschuldigt, für die Arbeit die ich Ihnen jetzt am Telefon mache, weil als ehemaliger Personaler wusste ich ja, dass es Irrsinn ist. Als ich gesagt habe, dass ich aus Freiburg komme – "Wo Freiburg ? an der Elbe ?" – Nein, Freiburg im Breisgau. Und dann haben die schallend gelacht und haben gefragt, was ich da eigentlich soll, weil in Teilzeit nach Hamburg umzuziehen, da reicht nicht mal das Geld für einen Platz unter der Brücke. Denn die müssten doch von der Hamburger 1EuroJob Organisation HAB ja voll belegt sein, eigentlich. (Anm. Entfernung Freiburg – Hamburg 850 km)

 

Bernadette: Hast du jetzt deiner Sachbearbeiterin oder Fallmanagerin wie wir ja so schön sagen, bereits Rückmeldung gegeben

 

Bruno: Ich habe Ihr Rückmeldung gegeben – natürlich schriftlich, wie es sich bei der ARGE gehört. Telefonisch geht da vieles unter, schriftlich auch, aber das ist zumindest mal die Absendung geregelt. Und ich hoffe mal, dass Sie sich irgendwo, endlich mal, mit Ihrem Vorgesetzten in Verbindung setzt – mit dem Herrn Weise und da mal rangeht. Weil als Direktor der BA (Anm. Bundesagentur für Arbeit) ist er eigentlich für alles zuständig und dabei ist mir noch aufgefallen. Bei Wikipedia habe ich mal nachgeschlagen zu Fallmanager. Als Fallmanager gilt lt. Definition, besonders begabte Mitarbeiter der BA, AA, Arbeitsagentur und der ARGEn. Nur, wenn meine Fallmanagerin schon als besonders begabt gilt, dann möchte ich nicht wissen, was sonst noch rum läuft. 

 

Bernadette: o.k. Bruno, ich danke dir ganz herzlich…

 

Bruno: Bitte sehr.

 

Bernadette: …wir machen etwas Musik.

 

Der ganze Fall, weitere Interviews und die neue Aktion "Erklären Sie… xxx !" sind auch unter www.kassensturz-jetzt.de zu finden.

Da auch andere Bedürftige die auf Recht und Menschlichkeit bestehen, verschickt werden sollen, z.B. von Hamburg nach München (für 900,-), bitten wir um Kontakt mit weiteren Opfern.