Arme Schweine hinterm Elektrozaun

Sonntag, 1. November 2009, 23:08

Neuer Disziplinierungslehrgang bei 50+

Würzburg – Am 19. Oktober wurde in der ARGE Würzburg im Rahmen der Förderung „50+“ der geplante Qualifizierungslehrgang „EDV im Beruf“ durch Gisela Lohrey von MAINTRAINING vorgestellt. Eine Teilnehmerin der Informationsveranstaltung, die im Briefkopf als Top-Autorin und Premium-Beraterin firmiert, hat am 21.10. die Vorstellung in einem Offenen Brief wegen präfaschistoiden Zuschnitts kritisiert und fordert einschneidende Änderungen in der Bildungspolitik für Erwerbslose, speziell der Zielgruppe der über 50-jährigen.


Zum Erstaunen einiger der eingeladenen Anwesenden sah man sich nicht mit einem Einzelgespräch konfrontiert, sondern einer Massenveranstaltung ausgesetzt. Schätzungsweise gut 100 Erwerbslose über 50 reihten sich in die lange Schlange der Zettelabgeber ein, bis sie sich auf ihren Schleudersitz niederlassen konnten. Wie lange würde es noch dauern, bis man Nahrungsmittel zurationiert bekam und kein zum x-ten Mal wiederholtes ineffektives Herumqualifizieren? Ein Erwerbsloser hatte einen Gewerkschaftssekretär zur Unterstützung mitgebracht, weil auch er irrtümlich ein Einzelgespräch erwartete. Sicherlich war den meisten entgangen, daß sich auf der Rückseite der ARGE-Einladung keine Rechtshilfebelehrung befand. Die Veranstaltung war also 'freiwillig'.

Die Stimmung in dem technokratisch kalten Raum unten im Keller, wo der Bodensatz der Gesellschaft gärte, darf man als feuchttraurig bis depressiv bezeichnen. Vereinzelt leuchtete eine Kraus’sche Fackel im Dunkel auf, ansonsten herrschte großes Zappenduster. Droben tobte der Krieg um Jobs – aber war man hier unten, im Luftschutzbunker des ewigen Hoffnungslichtleins „Weiterbildung“, sicher vor Angriffen auf die Zivilbevölkerung? Mit zwielichtiger Feierlichkeit und heuchlerischer Verbeugung vor den immer wieder betont angesprochen „Kunden“ wurde am Rednerpult von den erlauchten Nocharbeitsplatzbesitzern, die die unsterblichen Heroen des Olymp gaben, ein Schacherkurs wie Ambrosia angepriesen. Die verschworene Clique, im Vordergrund „Jobhunter“ Anton Vrkic – der Bezopfte mit dem „unaussprechlichen Namen“, im Hintergrund der windige Herr Hartmann –, schien sich sicher, hier im Dunkel sinnentleerter Braunarbeit, genügend schwarze Schäfchen für den rollenden Rubel einzufangen.

Schließlich ergriff Gisela Lohrey, die MAINTRAINING-Gründerin, das Wort. Bei ihrem anfänglich euphorischen Ausholen erntete sie mit sympathischer Bescheidenheit („Wir sind ein kleines Unternehmen und wollen nicht expandieren“) zunächst einige Pluspunkte. Es blieben allerdings deutlich weniger als „50+“. Denn schon  nach etwa der Hälfte ihres Vortrags bröckelte der schöne Putz und zum Vorschein kam eine häßlich durchlöcherte Wand, die vermutlich noch aus der Zeit des ersten Weltkriegs und ihrer Pädagogik stammt. Immer weniger war von den schwammigen Inhalten des Kurses die Rede, dafür um so mehr von der „heimlichen Stechuhr“ und den Kontrollmaßnahmen, deren Ergebnisse sofort an die ARGE weitergeleitet würden. Als Lohrey sich schließlich erkühnte, mit Blut-und-Boden-Bäuerlichkeit daherzukommen, von Schafen oder Kühen und Elektrozäunen sprach, und in dem Ausspruch gipfelte: „Ich versichere Ihnen: der Zaun ist geladen“, da war der Ofen und das Hoffnungslichtlein aus.

Die Quittung folgte in Form eines spontanen Offenes Briefes („mit integrierter Bewerbung“) an MAINTRAINING, verfaßt von einer „Top-Autorin und Premium-Beraterin bei Kassandra Vision & Apocalypse Now“, sprich: einem Mitglied des ver.di Bezirkserwerbslosenausschuß Würzburg / Aschaffenburg, das selbst eine Einladung zur Veranstaltung erhalten hatte. Die Ko-Empfänger-Liste des Offenen Briefes mit der 1A-Beratung ist stattlich, doch nach einer Woche genau so schweigsam wie MAINTRAINING. Nur Mag Wompel von LabourNet, die ebenfalls auf der Liste der Empfänger stand, fühlte sich bislang zu einer Rückmeldung veranlaßt. Danke, Mag. (HPG)

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Incl. in Kürze Pressemitteilung an Presseverteiler

21.10.09

Sehr geehrte Frau Lohrey,
für Ihre erste Auswertung finden Sie im Anhang den ausgefüllten Fragebogen zu Ihrem geplanten Qualifizierungslehrgang „EDV im Beruf“ in elektronischer Form.

Laut Auskunft eines ver.di-Gewerkschaftssekretärs, der bei Ihrer Informationsveranstaltung anwesend war, sind wir im übrigen entgegen Ihrer Aussage NICHT verpflichtet, diesen Bogen ausgefüllt wieder bei Ihnen abzugeben. Ich tue es dennoch und füge dieses Schreiben an, um für die Zukunft – oder sogar für den geplanten Kurs – kundenspezifische ÄNDERUNGEN anzuregen, die für die inhomogene Zielgruppe von enormer Wichtigkeit sind.

Zunächst verwehre ich mich aufs Schärfste gegen Ihre konnotativ unterwanderte Ansprache der anwesenden Interessentenschar (höhnisch genannt: „KUNDEN“), die den Eindruck aufkommen ließ, als handle es sich dabei um einen  undisziplinierten Haufen Schulkinder, BSE-verdächtiger Massentierhaltungsochsen oder potentiell gefährlicher Untersuchungshäftlinge, denen man erst mal wieder eine Struktur – und zwar die obsolete und asoziale Vollzeitarbeitsmodell-Struktur mit „geladenem Elektrozaun“ (Ihr Wort) – auf den Pelz brennen müßte, damit sie sich wenigstens mal 6 Wochen wieder auf die Jobkonstellation einstellen kann, die sie mit Hilfe Ihres Kurses weder erringen wird noch dieser zumeist gesundheitlich gewachsen ist.

Es ist wahr, aber sehr traurig, daß der geschulte Blick einer nicht geringen Zahl der 'Herbeizitierten' das Säufertum oder sonstige unangenehme Kompensierungsmaßnahmen auf 10 Meter Entfernung ansah. (DAS, und nicht mangelnde EDV-Kenntnisse, sind doch, abgesehen vom real existierenden Asozialismus, die wahren Einstellungshindernisse!) Aber wenn ich die von den Verantwortlichen seit Jahren angebotenen „Jobbeschaffungsmaßnahmen“ für sogenannte „Erwerbslose“ betrachte, dann möchte ich meinen Katzenjammer auch bisweilen gerne in hochprozentigen Spirituosen ertränken. Leider vertrage ich Alkohol nicht. Ich konserviere meinen Frust für die potentielle Nachwelt in hochprozentigen geistigen Ergüssen, damit sie mit Schrecken und Schaudern erkennen kann, was das Auslaufmodell, ja, die Erzseuche Kapitalismus mit Menschen und ehemals bewohnbaren Planeten macht.

Als signifikante Marginalie zum Thema „Lukrative Betäubungsmittel in Staatshand“ muß allerdings festgestellt werden, daß es genügend Alkoholiker in Lohn und Brot durch alle sozialen Schichten gibt, bei denen das Suchtproblem in keinster Weise als Stempel und Ausgrenzungskriterium verwendet wird. Im Gegenteil wird hier der Alkoholismus totgeschwiegen, gedeckt und als Kavaliersdelikt gehandelt, während er bei der diskrimierten Gruppe der Erwerbslosen mit grenzenloser Empörung in die Welt und in die Medien hinausgeschrieen wird. Dies führt zu solch fatalen Ergebnissen wie dem, daß meine blutjunge und ahnungslose Nichte eine Senkung des Hartz IV-Satzes für gut erachtet, weil dieser ja ohnehin in Alkohol umgesetzt werde. Ja super, verdient der Staat also doch noch was direkt an den Erwerbslosen! Zu seinem Leidwesen hängen noch nicht alle an der Flasche. Und dieses Kind, das ohne rot oder von den Eltern gerügt zu werden, McDonalds betritt, um dort Folter, Mord und Umweltzerstörung unreflektiert in sich hineinzustopfen, hat die naive Stirn, solche verleumderischen Weisheiten seiner Tante ins Gesicht zu sagen, die wegen moderner politischer Verfemung und überdurchschnittlicher Begabung von Hartz IV leben muß und sowohl Alkohol als auch Tabak verabscheut!

Festzuhalten ist: Auf jeden Fall werden Sie Alkoholiker oder wegen Perspektivlosigkeit labil dahinvegetierende „Manpower“ nicht mit einem sechswöchigen(!) Informationsüberflutungs-EDV-Kurs salonfähig, gesund oder „fit für den Arbeitsmarkt“ machen – wie es immer so schön heißt. Und Hochqualifizierte mit hochdifferenzierten Computerbedürfnissen, wie mich beispielsweise, schon gar nicht.

Kommen wir darum gleich zum hehren ZIEL Ihres Kurses: Dieses ist NICHT, durch schwer nachvollziebare Selektion 20 von 100 Erwerbslosen den Einstieg in einen Job zu erleichtern.  Laut Auskunft des anwesenden Gewerkschaftssekretärs werden demnächst über 20 EDV-Cracks bei Vogel Medien fliegen (und zwar raus). Die Zumutung, uns glauben zu machen, ein elitäres Fünftel von vier Fünfteln Ausschußware würde mit Ihrem Pipifax-Computer-Kurs (am Ende noch für Anfänger: dies ist eine Maus, dies ist eine Tastatur, dies ist ein Bildschirm… etc.pp.) die Einstellungschanchen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen, grenzt ans Verbrecherische. Das Ziel Ihres Kurses ist ganz klar ein anderes: Sie möchten Fördergelder abgrasen, um Ihren kleinen Betrieb am Leben zu erhalten, der, wie die ARGE selbst, Erwerbslose zum ÜBERLEBEN braucht, weil er sonst – ohne bedingungsloses Grundeinkommen oder gravierenden Systemwechsel – selbst  zur verratzten Schar der Erwerbslosen hinzuwachsen würde. Genauer, der verratzten Schar der KAPITAL-losen Erwerbslosen. Denn, mein Hausbesitzer beispielsweise, ein erwerbsloser Naturwissenschaftler, lebt von meiner Miete und der Miete meiner Nachbarn, weil Pappi ihm ein Haus geschenkt hat. Da Pappi (den ich übrigens ganz gerne leiden mag), ein sozialer Mensch ist und in diesem Hause viele sogenannte „sozial Schwache“ wohnen dürfen,  lebt Sohnemann also von  I h r e n  „Kunden“, sprich: von Vater Staat. Sprich: Von Hartz IV auf hohem Niveau.

Genau wie  S i e . Denn wenn Sie tatsächlich – wie in Ihrem Flyer geschrieben steht – „höchst engagiert und kondenorientiert“ arbeiten würden (das Wörtlein „höchst“ bezieht sich sicher nur auf „engagiert“, das nehm ich Ihnen gerne ab) – wenn Sie also auch noch „höchst  kundenorientiert“ arbeiten würden, dann würden Sie entweder eine Bank überfallen und  die Fördergelder, die Sie einstreichen, den „Kunden“ persönlich aushändigen, damit die eine Zeitlang nicht mehr in der Wärmestube fressen müssen, sondern die Wirtschaft ankurbeln können. Oder aber, Sie würden Ihr Kursangebot ENDLICH einmal auf die Zielgruppen individuell zuschneiden – und zwar gänzlich ohne Ausschußware.

Dabei ist in EINEM diese Zielgruppe durchaus homogen: Sie ist durchweg älteren Semesters (und damit, gerade in Computerdingen, nicht so schnell aufnahmefähig wie junge Leute, die mit der Muttermilch auf der Tastatur großgeworden sind), entweder gesundheitlich eingeschränkt  und / oder befindet sich in einem Minijob / 1€-Job oder aber betreut Kinder bzw. kranke Anverwandte, was alles a priori die Teilnahme an einem Vollzeit-Kurs verbietet. Ganz zu schweigen davon, daß Vollzeitarbeit als Modell Arbeitslose und Kranke am fließenden Band erzeugt! Machen Sie „Ihre Kunden“ doch erst mal fit für einen Halbtagsjob und zwar in einem Halbtags-Kurs.

Ich kann Ihnen  – einschließlich meiner eigenen Person – aus dem Stand 5 Leute aus Ihrer Informationsveranstaltung nennen, die SOFORT Ihren Kurs belegen würden, wenn er mehr zweckmäßige Inhalte besäße, halbtags wäre (vielleicht sogar nachmittags von eins bis fünf) und gerne länger als 6 Wochen dauern würde. Diese Angabe ist mit Sicherheit exemplarisch.

Unser Staat bläst Milliarden über Milliarden in die faulen Hinterteile von mutwillig maroden Banken, deren Bosse dafür mit Millionen Abfindungen fürstlich entlassen werden, um die nächste gewinnbringende Pleite hinzulegen, sprich: systematisch Scheiß zu bauen, aus dem man höllenschwarze Kohle pressen kann, die für den letzten Dreck verpulvert wird. Dagegen wird unsereins, wenn wir mal aus Not einen Pfurz lassen, mit der Kürzung des Existenzminimums, das seit Jahren UNTER dem Existenzminimum liegt, nicht nur existenziell bedroht und sanktioniert, sondern auch noch mit Billigweiterbildung abgespeist, bei der noch nicht mal Aldi, Lidl oder Norma die Traute hätten, sie in ihr Programm aufzunehmen, weil sie dem brandaktuellen Standard und den Kundenwünschen nicht entspricht.

Also bitte – seien Sie mal kundenfreundlich kreativ und machen Sie in Kooperation mit der ARGE einen Deal vielleicht mit Aldi – die haben immer die neuesten Computer-Hits zu sensationellen Preisen und in der FH Würzburg sogar schon einen Aldi-Hörsaal. Und wenn Sie in Kooperation mit Bertelsmann die ARGE an Aldi verscherbeln, kommt ja vielleicht am Ende ein superbilliger und supergeiler Computerkurs raus, der sich bei den Kunden von Aldi UND Arge endlich mal sehen lassen kann. Und am Ende sitzen alle ihre Kursteilnehmer glücklich als Main-Euro-Jobber im Würzburger Rathaus bei Arvato.

Sie müßten dafür nur eins tun, was Sie bis jetzt nicht wollen: expandieren. Aber wenn Sie erst mal Blut geleckt haben, das Blut des Kapitalismus, der, wenn man’s richtig macht, am Ende selber blutet wie ein abgestochenes Schwein, das keiner mehr essen will, weil inzwischen alle Vegetarier geworden sind, dann werden und dann müssen Sie’s sogar  tun.

Stellen Sie einfach mich als Beraterin in Ihren Laden ein und ich werde das Schwein schon schaukeln. Mit viel Training wird sich der Main in den Ganges ergießen, die Kühe werden heilig, der Vegetarismus Weltreligion und bald wird überall Wutzstock sein. Zuguterletzt wird Lohrey noch zur Lohreley, macht ab sofort Rheintraining – und MEINTRAINING gehört endlich mir.

Überlegen Sie sich doch mal diesen „New Keen Deal“ – und lassen Sie meine fundierten Ratschläge nicht auf taube Ohren stoßen.

Mit so inhaltsreichen wie leider noch gehaltlosen Grüßen

Heike Pauline Grauf
Heike Pauline Grauf M.A.

Ganzheitliche Kämpferin für Tier- und Menschenrechte
Mitglied im ver.di Bezirkserwerbslosenausschuß
Würzburg /Aschaffenburg
97080 Würzburg
E-Mail: fool-time@gmx.de