Weshalb können 4 Millionen Menschen in der BRD kaum Schreiben und Lesen trotz Schulbesuchs?

Samstag, 13. Januar 2007, 18:21

logo_unldbg2003 hatte die UNESCO den ehrgeizigen Plan verkündet mit einer Dekade für Grundbildung bis 2012 die Zahl der 860 Millionen Analphabeten weltweit zu halbieren.

von Edith Bartelmus-Scholich
Analphabetismus ist auch in der Bundesrepublik (wieder) ein Problem. Glaubte man 1912 nach seinerzeit ca. 100 Jahren Schulpflicht das Problem überwunden, so schätzt der Bundesverband Alphabetisierung heute nach ca. 200 Jahren Schulpflicht die Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland auf mehr als 4 Millionen Menschen. 6,3% der erwachsenen Bevölkerung können nicht ausreichend schreiben und lesen, obwohl sie die Schule besucht und zum Teil Schulabschlüsse erworben haben.

Funktionaler Analphabetismus hat viele Gesichter. Die Betroffenen kennen keine oder nur wenige Buchstaben oder können wenig lesen und kaum schreiben. Einige haben kaum Probleme beim sinnentnehmenden Lesen von Texten, aber große Schwierigkeiten beim selbstständigen Schreiben. Manche können mühelos lesen, machen aber viele Rechtschreibfehler. Andere können zwar fließend lesen und schreiben, haben aber große Angst vor Schreibsituationen. Viele leiden unter Legasthenie oder ihnen wird Legasthenie attestiert. Allen ist aber gemeinsam, dass sie nicht ausreichend lesen und schreiben können um ganz alltägliche oder gängige berufliche Anforderungen selbstständig bewältigen zu können.

Lesen, Schreiben und Rechnen sind Grundfertigkeiten, die Menschen für eine gleichberechtigte Teilhabe an unserer Gesellschaft benötigen. Wer nicht Lesen kann, stößt schnell an Zugangshürden, ist abhängig von der Hilfe anderer. Möglichkeiten sich zu informieren und auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen, verschlechtern sich. Die Unzulänglichkeit mündet in eine Minderung des Selbstwertgefühls und verfestigt sich zuletzt in einem negativen Selbstbild. Unzureichende Schreib- und Lesekenntnisse beeinträchtigen auch die Chancen eine Berufsausbildung abzuschließen und eine existenzsichernde Arbeit zu finden. Im September 2002 betrug nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit die Arbeitslosenquote unter funktionalen Analphabeten 41%. Nur 29% der dieser Gruppe zugehörigen Erwerbslosen hatte eine Berufsausbildung.

Die meisten funktionalen Analphabeten sind in und an der Schule gescheitert. Nur 38% von ihnen haben einen Schulabschluss erlangt. 57% haben eine Sonderschule besucht, 38% eine Hauptschule und 5% eine Realschule. Unter Schülerinnen und Schülern, die keinen Schulabschluss erreicht haben, ist funktionaler Analphabetismus immer häufiger anzutreffen. Gleichzeitig steigt von Jahr zu Jahr der Prozentsatz derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen. So haben im vergangenen Jahr 10% der Schülerinnen und Schüler keinen Schulabschluss mehr erreicht, wohingegen im Bevölkerungsdurchschnitt bislang der Anteil der Menschen ohne Schulabschluss bei 2,6% liegt. Hier wird deutlich, dass der Anteil der Analphabeten in unserer Gesellschaft weiter steigen wird, sofern nicht Anstrengungen unternommen werden, die Ursachen zu beheben.

Analphabetismus in einer Gesellschaft mit Schulpflicht ist ein Symptom für das Versagen des Schulsystems. Es ist nicht hauptsächlich den Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern oder dem einzelnen Lehrer oder Lehrerin anzulasten. Allerdings wirkt alarmierend, dass Kinder immer wieder versetzt werden, obwohl sie die Lernziele nicht erreicht haben, und dass manche LehrerInnen nicht genau sagen können, wie viele und welche SchülerInnen nicht richtig lesen können. Der Schulalltag und die pädagogischen Konzepte gehören angesichts solcher Erfahrungen und Ergebnisse auf den Prüfstand.

Schülerinnen und Schüler, die nicht ausreichend Schreiben und Lesen lernen, erleben meist über Jahre Negativerfahrungen in Schule und Elternhaus. Nicht selten kommen sie aus Familien, in denen Schriftlichkeit nur eine untergeordnete Rolle spielt und in denen die ökonomischen Bedingungen dürftig sind. Nicht selten ist auch die Sprachentwicklung nicht den Anforderungen in der Schule entsprechend. Unter diesen Bedingungen entwickelt sich oft nach kurzer Zeit eine psychische Belastungssituation ausgelöst durch Leistungsdruck. Eltern, die nicht helfen können, greifen bei Problemen zu Strafen. In den Schulen soll in viel zu großen Klassenverbänden immer noch „im Gleichschritt gelernt" werden, obwohl Kinder verschiedene Fähigkeiten haben, die ein unterschiedliches Tempo bedingen. Lehrbücher, die sich an der Lebenswelt eines „genormten Mittelschichtkindes" orientieren, lösen bei Kindern, deren Lebenswelt sie nicht abbilden, Desinteresse aus. Methoden, die die Individualität von Kindern ignorieren, motivieren nicht, sondern führen zu Aggressivität. Hinzu kommt, dass durch eine Medienvielfalt die besondere Bedeutung des Zugangs zu Informationen über das Lesen anders als vor 100 Jahren für viele SchülerInnen nicht mehr so offensichtlich ist, also das Interesse erst geweckt werden muss. Mit Schwächen wird überwiegend so umgegangen, dass Schülerinnen und Schüler mit unzureichenden Leistungen ausgesondert werden. Die Benotung wird als System der Aussortierung erlebt. Eine Sonderschulüberweisung wird in der Regel nicht als Problemlösung, sondern als Strafe erfahren.

Nur eine Schulreform ist geeignet, die Quote derjenigen, die die Schule ohne ausreichende Schreib- und Lesefähigkeiten verlassen, zu senken. Bildung, die auf Chancengleichheit ausgerichtet ist, beginnt dabei schon im Kindergarten. Dort sollte es aber nicht darum gehen den Drei- bis Sechsjährigen schon das Alphabet zu vermitteln. Vielmehr sollten sie ihre sozialen, verbalen, musischen und kreativen Fähigkeiten entwickeln. Die Anleitung sollte sich darauf konzentrieren, kooperative Einstellungen nicht Konkurrenzdenken zu fördern und die Kinder darin unterstützen gegensätzliche Interessen auszugleichen. In den ersten zwei Jahren der Grundschule könnte dann in wesentlich kleineren Lerngruppen von höchsten 8 bis 10 Kindern die Grundbildung vermittelt werden. Dabei müssten Lehrbücher und –materialien zum Einsatz kommen, die sich an der Lebenswirklichkeit der „real existierenden" Kinder orientieren und nicht an einem fiktiven Mittelschichtkind der siebziger Jahre. Schulnoten haben in einer solchen Schule keinen Zweck, sie sind durch ein System der Anerkennung individueller Lernerfolge zu ersetzen.

Das dreigegliederte Schulsystem in Deutschland ist geeignet, die Probleme von Kindern aus sozial- und einkommensschwachen Kindern zu potenzieren. Hier findet Auslese statt, die Kinder, die in ihren Familien nicht ideale Bedingungen vorfinden, aufs Abstellgleis schiebt. Durch die Bildungsappartheid", die sich in der Hauptschule niederschlägt, erhalten diejenigen, die am dringendsten Förderung brauchen sie am wenigsten. Die gesellschaftliche Missachtung die der Hauptschule und den sie besuchenden SchülerInnen entgegen gebracht wird, schlägt sich in einer schlechten Finanzausstattung, zu wenig Lehrpersonal, ungeeigneten Lehrbüchern und in Anforderungen, die die Heranwachsenden als ohne jeden Zusammenhang mit ihrem Lebensalltag empfinden, nieder. Schülerinnen und Schüler, die auf die Hauptschule überwiesen werden und noch nicht gut lesen und schreiben können, machen dort in der Regel keine Fortschritte mehr. Nicht selten verlassen sie die Schule ohne Abschluss und ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz.

Eine Maßnahme gegen die Lücken in der Grundbildung ist daher die Auflösung des dreigegliederten Schulsystems. Es ist zu ersetzen durch eine zwanglose und selbstverwaltete Gesamtschule mit Ganztagsbetrieb für alle Kinder ungeachtet ihrer sozialen Herkunft und ihrer bisherigen Lernbiographie. Schülerinnen und Schüler sollten dort ihre eigenen Schwerpunkte setzen und sich ihre Unterrichtsfächer frei wählen dürfen. Auch an der Aufstellung von Lehrplänen und der Entwicklung von Lehrbüchern sollten sie beteiligt werden. Wo Lernen wieder lohnt, weil es tatsächliche Handlungsspielräume ermöglicht, werden auch Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben erworben.

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Edith Bartelmus-Scholich

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