Tagebuch eines Pflegeassistenten – Eine Vision zum Nachdenken

Donnerstag, 4. September 2008, 13:11

Tagebuch eines Pflegeassistenten nach § 87b Abs. 3 SGB XI Eine Vision zum Nachdenken.


 

Tag 1:

 

So, nun sind die ersten 30 Stunden der theoretischen Ausbildung rum und ich soll jetzt auf einer Station im Pflegeheim arbeiten. Nach 30 Stunden schon, wo ich doch vorher keine Ahnung von Pflege hatte. Den anderen Teilnehmern im Kurs geht es zum großen Teil auch nicht anders. Die meisten haben auch keinerlei Vorahnung in irgendeiner Weise, wie das mit Pflege so abgeht. Ich habe ne Ausbildung hinter mir als Verkäufer, andere sind dabei die waren Metzger, Schlosser, Bankkauffrau und was weiß ich noch. Seltsamerweise waren in meinem Kurs kaum Pflegekräfte. Nur solche, die diese einjährige Ausbildung hatten, wie heißt die noch….? Ach ja, Krankenpflegehelfer oder Altenpflegehelfer. Und die waren schon lange aus dem Beruf, machten aber nicht den Eindruck dass sie das körperlich noch packen. Haben alle schon Wirbelsäulenschäden und so was. Ich habe Angst! Was ist eigentlich wenn ich irgendwas falsch mache und einer von den Bewohnern hat dann nen Schaden? Darüber ist uns nix erzählt worden in dem Kurs. Eigentlich wollte ich ja nicht in diese Weiterbildung, aber meine Fallmanagerin sagte, dann kriege ich keine Kohle mehr.

 

Tja, der erste Tag ist vorbei. War ja ganz o.k. Man hat mich im Haus rumgeführt, mir die Bewohner auf meiner Station vorgestellt. Und ich durfte schon mal mithelfen beim Essen austeilen und bei einer, wie nennen die das…? Ach ja, Grundpflege. Also ich weiß nicht, wenn ich da am Teil von anderen rumfummeln soll?? Irgendwie gefällt mir das nicht so sehr. Aber wie muss sich eigentlich dann der Bewohner oder die Bewohnerin fühlen, wenn da jemand anderes in seiner Sperrzone rummacht? Nun, sie haben ja gesagt dass ich das nur erst mal sehen soll, wie so was abläuft. Denn eigentlich gehört es nicht zu allererst zu meinen Aufgaben. Was heißt das, zuallererst? Die Spiele mit den Alten waren eigentlich ganz lustig. Aber die Musik,…. würg. Die Examinierten dort sind eigentlich ganz nett, aber die meisten total hektisch. Irgendwie lässt mich die Szene im Zimmer der alten Dame nicht in Ruhe, die im Sterben liegt. Na ja, morgen soll ich dann mal bei der Essensvorbereitung helfen und die zeigen mir dann auch, wie das mit „Windeln“ und „Einlagen“ funktioniert. Ich habe immer noch Angst. Keiner konnte mir sagen, wie das ist wenn ich mal einen Fehler mache. Und Menschen machen doch Fehler?

 

Tag 2:

 

So toll geschlafen habe ich nicht. Mir sind im Traum irgendwie die ganzen Bilder von der Station nachgegangen. Regelrecht verfolgt hat mich die Situation im Zimmer der alten Dame, die bald sterben wird. Das war echt ein Hammer. Diese offenen Wunden, die die mir gezeigt haben, haben mich echt fertig gemacht. Hoffentlich muss ich die heute nicht noch mal ansehen.

 

Zweiter Tag auch vorbei und ich musste wieder mit ins Zimmer der Sterbenden. Na, da freue ich mich schon auf die Nacht. Mann, das mit dem Essen ist vielleicht kompliziert. Der eine kriegt nur Diabetes-Kost, die andere wieder nur alles zerkleinert. Der nächste darf nix essen mit Milch drin usw. Wie soll ich das alles in den Kopf kriegen? Habe mir zwar nen Zettel dafür gemacht, weil die sagten ich muss auch mal alleine die Küche schmeißen können. Ich bin mir zwar nicht sicher, dass ich das machen muss. Aber unsere Ausbilder dort im Kurs sagten, dass wir eigentlich alles machen müssten was uns übertragen wird. Dafür sind wir ja schließlich Pflegeassistenten. Gleich nach dem Frühstück haben die mich ins Zimmer zu der Sterbenden mitgenommen und diesmal musste ich mit anpacken. Mir ist fast alles wieder hochgekommen. Schmeiß ich aber alles hin, solange ich noch in der Ausbildung bin, dann kann ich mein ALG II vergessen. Hat mir ja meine Fallmanagerin mit auf den Weg gegeben. Meine Güte, ich dachte eigentlich in Deutschland kann man sich frei wählen, was man arbeiten möchte. Ich wäre so gerne in eine kaufmännische Ausbildung gegangen, wie z. B. Einzelhandelskaufmann oder Bürokaufmann oder im Reisebüro. Ne, gibt es für Hartz IV’ler nicht mehr war die Auskunft, die ich bekommen habe. Ich müsste schon nehmen, was mir angeboten wird. Sonderwünsche? Ja, wo kommen wir da denn hin?

 

…….

 

2. Woche:

 

Jetzt bin ich schon fast zwei Wochen hier im Heim. Irgendwie ist das alles anders, als man mir das im Vorfeld erklärt hat. Zum Spiele machen und Spazieren gehen komme ich nicht so oft. Meist muss ich in der Küche malochen oder auch mal die Leute mit waschen, wenn wieder von drei Examinierten im Frühdienst einer oder zwei ausgefallen sind. Die alte Dame, die schon am Anfang im Sterben lag, ist gestern gestorben. Jeden Tag musste ich da mithelfen beim Waschen und verbinden. Es war nur noch furchtbar. Offenes Fleisch wohin man geguckt hat. Und trotzdem habe ich sie irgendwie gemocht. Na, ihr wird es doch jetzt hoffentlich besser gehen? Es ist furchtbar anstrengend hier. Besonders an den Wochenenden. Ja, an den Wochenenden muss ich auch arbeiten. Nicht an allen, aber wann ich dann mal frei habe wird eigentlich erst immer so kurz vorher entschieden. Man kann nichts planen. Meine Freunde sind schon ziemlich angepisst, weil ich kaum mehr Zeit für sie habe. Überstunden muss ich auch machen, aber die kriege ich nicht bezahlt. „Das sei so nicht vorgesehen“ hat mir die Heimleitung gesagt, als ich gefragt habe. Immer wenn irgendwer fehlt, dann heißt es „Du kannst doch sicherlich einspringen an dem Tag, oder?“. Tu’ ich es nicht, dann habe ich Angst, die melden das an die ARGE und ich hab’ dann den Dreck am Bein.

 

Nach der „Weiterbildung“:

 

Tja, nun bin ich offiziell angestellt bei dem Heim als „Pflegeassistent“. Ne, habe nicht gedacht, dass ich das durchhalten werde. Oft genug wollte ich raus aus dem Ganzen. Und ich möchte es am liebsten jetzt immer noch. Es ist keine Arbeit für mich. Mich verfolgen die schlimmen Szenen regelmäßig im Traum. Besonders die, als ich dabei sein musste wenn die alten Menschen dort starben. Von den Examinierten hatte sowieso nie jemand Zeit, sich mal ans Bett zu setzen. Ich habe auch nur wenig Zeit, aber wenn es ging, dann musste ich dort sitzen. Die anderen haben dann doch mal eine Auszeit genommen. Furchtbar, jemanden beim Sterben zuzusehen. Mein Vertrag wurde ja jetzt gemacht und ich bekomme brutto 5,50 Euro, das sind, bei offiziellen 8 Stunden pro Arbeitstag, ca. 970 Euro brutto im Monat. Ich möchte raus aus diesem Job. Das kann ich so nicht weiter machen. Aber? Wo gibt es einen anderen?

 

 

So, oder ähnlich, könnte das Tagebuch eines „Pflegeassistenten“ aussehen, der in diese Tätigkeit hinein entschieden wurde. Ich bin der Überzeugung, dass von den „guten Vorsätzen“, niemanden zu zwingen, niemanden einzusetzen der nicht dafür geeignet wäre, im Laufe der Zeit nichts mehr übrig bleibt. Es werden die Menschen in diese Tätigkeit hinein sanktioniert werden. Und heraus kommen am Ende traumatisierte und für das Leben gezeichnete Menschen auf beiden Seiten. Demente, alte Menschen, die die Signale ihres Gegenübers nicht einordnen können. Die von deren Unzufriedenheit, Unruhe und Angst „angesteckt“ werden. Und Angst kann etwas furchtbares sein. Besonders dann, wenn man sich eh nicht mehr in seiner Umgebung auskennt. Aber Schuld darf nicht bei den Gezwungenen gesucht werden. Die, die in die Tätigkeit hinein gezwungen wurden und die, die sich gezwungenermaßen betreuen lassen müssen. Sie haben beide keine Schuld!! Schuld haben dann die, die auf deren Rücken ihre Kassen noch mehr füllen wollten.

 

Autor:

Hans-Jürgen Graf

staatl. gepr. Gesundheits- und Krankenpfleger

 

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