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„Invest in Future“ 2009: „Effizienzdruck belastet Bildungs­prozesse“

Das System so lassen und noch ein Schäufelchen oben drauf packen: So ließe sich der bedarfsgerechte Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Kinder unter drei Jahren bis 2013 in Deutschland nicht schaffen. Darin waren sich die meisten der insgesamt 40 Rednerinnen und Redner des Bildungs- und Betreuungskongresses „Invest in Future“ (http://www.invest-in-future.de) am 19. und 20. Oktober in Stuttgart einig. Betreuungs­angebote müssten den tatsächlichen Bedarf künftig genauer abbilden, Kindern Raum zur Selbstbildung geben und pädagogische Prozessqualität auf hohem Niveau sichern.

 

Stuttgart (eos) – Der bis 2013 nötige Ausbau der Krippeninfrastruktur in Deutschland scheint einfach zu sein: Geld in die Hand nehmen und neue Einrichtungen schaffen – fertig. Der diesjährige interdisziplinäre Kinderbetreuungs- und Bildungskongress „Invest in Future“ am 19. und 20. Oktober in Stuttgart zeigte indes, dass es so simpel nicht ist. „Es hapert schon an den Finanzen“, sagte Professor Stefan Sell, Direktor des Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz, und monierte, dass Deutschland mit 13 Milliarden Euro öffentlicher Mittel gerade einmal die Hälfte dessen für Kinderbetreuung ausgebe, was die OECD als Soll-Vorgabe definiert habe. „Bis 2013 brauchen wir ein Angebot, das den Bedarf deckt, denn dann haben Kinder ab dem ersten Geburtstag einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz“, erklärte Detlef Diskowski, Referatsleiter Kindertagesbetreuung im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Brandenburg. „Dazu müssen wir aber erst einmal wissen, wie der Bedarf, der ja eigentlich ein elterlicher Bedarf ist, aussieht.“ Das vorhandene System einfach in die Zukunft fortzuschreiben, hielten er und zahlreiche andere der insgesamt 40 Referentinnen und Referenten daher für verfehlt. „So geben wir viel Geld aus für Angebote, die dann womöglich an der Nachfrage vorbeigehen.“


Hamburg schaffte Kita-Bedarfsplanung ab

Diese Erfahrung machte auch die Hansestadt Hamburg, deren zentrale Bedarfsplanung in einem Platzmangel und gleichzeitig einer Unternutzung von Ganztagsplätzen resultierte. Daraufhin steuerte die Stadt um: „Seit 2003 bekommen Eltern Betreuungsgutscheine für ihre Kinder, die sie bei der Einrichtung ihrer Wahl einlösen,“ erklärte Sören Arlt, Leiter des Referats Controlling und Datenmanagement Kindertagesbetreuung in der Hamburger Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz. Das führte zu mehr Wettbewerb unter Krippen und Kitas und verbesserte, nach Aussagen von Arlt, deren Qualität. Auf eine eigene Bedarfsplanung verzichtet Hamburg inzwischen. Die Kita-Träger wüssten genau, wo Nachfrage entstehe und reagierten eigenverantwortlich mit entsprechenden Angeboten. In den letzten Jahren sei die Anzahl der Betreuungsplätze in Hamburg daher stark gewachsen, sagte Arlt.

Kurt Lacher, Hauptamtsleiter bei der 6.000-Einwohner-Gemeinde Bodelshausen im Landkreis Tübingen, machte hingegen deutlich, dass insbesondere im ländlichen Raum bei der Bedarfsplanung die demographische Entwicklung, das heißt sinkende Kinderzahlen, im Blick behalten werden müssten. Außerdem habe sich gezeigt, dass der tatsächliche Bedarf häufig unter dem in Befragungen angegebenen liege, so Lacher. „Der aufgrund einer Umfrage in Bodelshausen angenommene Bedarf von 27 Plätzen für unter Dreijährige reduzierte sich nach Gesprächen mit den Eltern auf 14 Plätze.“


Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Alle sind gefordert

Dass eine Bedarfsplanung vor Ort, also in der Kommune, gemacht werden muss, darüber waren sich die Vertreter der Länder und Kommunen einig. Dies bekräftigte auch Dr. Monika Stolz MdL, Ministerin für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg, und appellierte an die Kommunen bei der Bedarfsplanung gemeindeübergreifend zusammenzuarbeiten. In ihrer Eröffnungsrede betonte die Kinderbeauftragte der Landesregierung, Ministerin Dr. Stolz, dass der Ausbau der Kleinkindbetreuung wesentlich dazu beitrage, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Zugleich forderte sie die Wirtschaft auf, in ihren Anstrengungen für eine familienbewusste Personalpolitik nicht nachzulassen.


Quantität und Qualität gehören zusammen

Einigkeit bestand auch darin, dass mehr Betreuungsplätze und eine Steigerung der Betreuungsqualität Hand in Hand gehen müssen. „Der quantitative Ausbau darf nicht zu Lasten der Prozessqualität gehen“, sagte Wolfgang Tietze, Professor für Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Freie Plätze in Einrichtungen für über Dreijährige jetzt einfach mit jüngeren Kindern zu füllen, sei inakzeptabel. Kitapädagogik ließe sich nicht auf die Kleineren „runterbrechen“. „Die unter Dreijährigen 'passen' nicht, werden aber passend gemacht“, monierte auch Verhaltensbiologin und Völkerkundlerin Dr. Gabriele Haug-Schnabel. „Die Jüngeren haben andere Bedürfnisse als ältere Kinder. Beziehungs- und Bildungsgeschehen sind in diesem Alter noch untrennbar verbunden.“ Viele exklusive Kontakte mit der Bezugserzieherin bzw. dem Bezugserzieher oder in einer kleinen Gruppe seien wichtig. Die OECD empfiehlt für unter Dreijährige daher einen Personalschlüssel von eins zu drei. „Bei uns in Brandenburg liegt er dagegen bei eins zu sieben!“, gab Detlef Diskowski zu. Was das langfristig für die Kinder bedeute, sei völlig unklar, sagte Tietze. „Forschungen zu den pädagogischen Effekten unterschiedlicher Rahmenbedingungen fehlen. Wir befinden uns im Blindflug!“


Bildung: Wie kommt Wissen in Kinderköpfe?

Mit der grundsätzlichen Frage „Wie kommt die Welt in den Kopf?“ beschäftigte sich Gerd Schäfer, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Pädagogik der frühen Kindheit, Familie, Jugend an der Universität zu Köln, in seinem Referat. „Es ist schon etwas im Kopf vorhanden, das es Babys erlaubt, neue Information zu verarbeiten“, erklärt er. „Dieses Lernen ist ein Zusammenspiel von Vorhandenem und Neuem, das anfänglich auf die konkrete Situation bezogen bleibt. Kleine Kinder lernen aus Erfahrung und im Alltag.“ Wer ihnen etwas vermitteln wolle, müsse ihr Gehirn zur Mitarbeit gewinnen. „Von unserem alten, normativen Wissensvermittlungsmodell sollten wir uns daher verabschieden. Wir brauchen etwas anderes: Ich nenne es Erfindermodell. Es zwängt den Geist nicht wie einen begradigten Fluss in ein betoniertes Flussbett, sondern lässt ihn sich eigene Wege suchen durch – hoffentlich – vielfältige und abwechslungsreiche Landschaften, die wir ihm anbieten und in denen er seine Gestalt finden kann.“ In den derzeitigen Bildungskanalisation stinke es bereits, führte Fachjournalist Reinhard Kahl weiter aus: „Der Effizienzdruck, der auf Bildung heute lastet, führt zu 'Bulimie-Lernen'. Das heißt, dass Kinder schnell Fakten und Inhalte in großen Mengen aufnehmen, um sie dann zu einen bestimmten Zeitpunkt wieder von sich zu geben.“ Begeistert berichtete er aber auch über praktische Beispiele für eine neue Pädagogik, über Kitas und Schulen, die Kindern den Freiraum geben, ihre Bildungsprozesse selbst zu gestalten. „Das ist der Weg, den wir gemeinsam weiter gehen sollten“, meinte er.


Über „Invest in Future“

Der interdisziplinäre Bildungs- und Betreuungskongress „Invest in Future“ findet jährlich – 2009 bereits zum sechsten Mal – in Stuttgart statt. Er bietet eine Plattform für den Austausch unter Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen und Kommunen sowie von Trägern, aus der Wissenschaft sowie der pädagogischen Praxis. Eine Messe, die dieses Jahr 22 Aussteller hatte, begleitet das Symposium. Veranstalter sind die Konzept-e für Kindertagesstätten gGmbH, der KiND e.V. Dachverband sowie die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS). Die Schirmherrschaft für „Invest in Future“ 2009 übernahm der baden-württembergische Ministerpräsident Günther H. Oettinger. Das Ministerium für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg sowie das Wirtschaftsministerium des Landes unterstützten den Kongress. Folgende Firmen und Vereine sponsern den Event: Lapp Kabel, LBBW, EnBW, DZ Bank, Dusyma, KIND und Beruf e.V., KIND e.V. Stuttgart. Auch 2009 kooperierte „Invest in Future“ wieder mit „Offen für morgen“, einem Kongress der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Insgesamt rund 400 Beteiligte zählten die Kongresse dieses Jahr.

 

Folgende Fotos sowie weiteres Bildmaterial ist unter www.invest-in-future.de („Presse“ – „Bildmaterial“) erhältlich:

 

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