Zukunft – Niedriglohn?

Dienstag, 16. Januar 2007, 12:05


Bild mit freundlicher Genehmigung von Partner karikatur-cartoon.de

Im Zuge des andauernden Umbaus des Sozialstaats sind vielfältige Regelungen abgeschafft worden, die der Sicherung sozialer Mindeststandards dienten. Mit der Verschärfung der Regelungen zur Zumutbarkeit, wonach Arbeitslose jede Arbeit zu fast jedem Lohn annehmen müssen, ist mancherorts die Sittenwidrigkeit die letzte gesetzliche Notbremse auf der Lohnskala.

Als sittenwidrig gilt ein Lohn laut Rechtssprechung dann, wenn er mehr als 30 Prozent unter dem tariflichen oder ortsüblichen Lohnniveau liegt. “Nicht sittenwidrig” sind damit in einigen Branchen schon heute Stundenlöhne von weniger als drei Euro.

Dabei sind Armutslöhne kein regionales oder branchenspezifisches Randproblem: Laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) haben in Deutschland mit über 7,7 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern 32 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten eine Anstellung im Niedriglohnbereich. Das heißt, sie beziehen weniger als 75 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns.

2,5 Millionen dieser Arbeitnehmer lagen mit ihren Einkommen sogar unterhalb der 50-Prozent-Marke. Gemessen am Durchschnittsverdienst aller Deutschen bezogen sie damit Armutslöhne.

Mit zwei Dritteln ist der Anteil von Frauen unter den Armutslöhnern überdurchschnittlich hoch. Zudem beziehen vornehmlich Angestellte aus kleinen Unternehmen bis zu 99 Beschäftigten (80,9 Prozent)und aus dem Dienstleistungsbereich (63 Prozent)Armutslöhne.

Betroffen sind dabei nicht allein Berufseinsteiger oder gering qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Zwei Drittel aller Armuts- und Niedriglohnempfänger haben einen berufsqualifizierenden Abschluss und sind älter als 30 Jahre.

Dazu Dirk Grund von  alg2-hartz4

Das möchte ich mit einem Beispiel verdeutlichen :

Sie sorgen für Service und Sicherheit der Fahrgäste in S- oder U-Bahnen, bewachen Gebäude oder transportieren Geld. Dienstbeginn 4.00 Uhr und früher, Schichtbetrieb, immer auf Achse.

Richtig Sicherheitsfachkräfte!

Den ganzen Tag sind sie etwa im öffentlichen Verkehr auf den Beinen, von Station zu Station, koordinieren den Verkehr, beantworten Fragen. Bei Störungen oder Streit werden sie per Funk gerufen. An Wochenenden sind es regelmäßig Schichten bis in die Nacht hinein. Sport- und andere Großveranstaltungen stellen besondere Anforderungen, wenn Hunderttausende den öffentlichen Personenverkehr nutzen – und oft sind die Beschäftigten erst nach Mitternacht wieder zu Hause.

Eine auch körperlich belastende Arbeit. Auch in vielen anderen Bereichen werden Wach- und Sicherheitskräfte benötigt. Allein im Geld- und Werttransport sind an die 10.000 beschäftigt. Insgesamt sind es weit über 140.000, die Häfen, Kasernen, Kraftwerke bewachen, auf Flughäfen und in Wohngebieten tätig sind.

Wer etwa im Geldtransport arbeitet, ist oft über den eigentlichen Feierabend hinaus unterwegs. Die Einnahmen von Handelsketten wie Plus oder Karstadt wollen eingesammelt und gezählt sein, Filialen werden mit Wechselgeld versorgt, Nachttresore geleert und Geldautomaten von Banken und Sparkassen bestückt. Oft über Landesgrenzen und mehrere hundert Kilometer hinweg. Auch diese Arbeit erfordert beständig die volle Konzentration. Zunehmend überwachen die Mitarbeiter auch öffentliche Gebäude wie Rathäuser und Ministerien – häufig mit lediglich 800 Euro netto bei 50 Stunden in der Woche. Sie sind nach Ende der Lehrveranstaltungen in Schulen und Universitäten dafür verantwortlich, dass Fenster und Türen geschlossen und die Lichter gelöscht sind; keine betriebsfremde Person darf sich mehr im Gebäude befinden. Oft erst nach 21.00 Uhr und häufig zwischen weit auseinander liegenden Gebäuden drehen die Wachkräfte ihre Runden.

Und zur Sicherung des Lebensunterhalts reichen 50 Wochenstunden oft nicht aus. Das klingt nachvollziehbar, aber auch brutal. Denn es sind monatlich bis zu 300 Stunden, die da zusammenkommen müssen. Arbeit bis zur Erschöpfung. Für viele Beschäftigte im Wach- und Sicherheitsbereich sind Löhne von sechs Euro bis hinunter zu 3,42 Euro keine Seltenheit.

Gruss an Amerika!

Dirk Grund

alg2-hartz4