Außen hui, innen pfui: 12 ABM-Akademiker auf 40 qm

Sonntag, 24. Februar 2008, 12:19


Berlin: Fördertöpfe – Geschäftsbesorger – Billiglöhner

Die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands –Teil 1

Berlin ist eine schöne Stadt. Allerdings hat sie einen großen Makel: Unter der wieder halbwegs ordentlich zurechtgezupften offiziellen Wirtschaftsdecke lugt überall verschämt ein riesiges wirtschaftliches Paralleluniversum hervor.  Bis zu 20% Prozent aller Berliner und Berlinerinnen werden dort  mit Tausenden von „Maßnahmen“, „Trainings“, „Arbeitsbeschaffungen“,  „Aktivierungen“ und ähnlichen „modernen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“, wie die Bundesagentur für Arbeit ihre Dienste gerne zusammenfasst, auf Trab gehalten. Merkwürdig bloß, dass trotz all dieser Bemühungen, für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen, so gut wie keine  dort ankommen ! Und dies obwohl aus den verschiedenen Förderquellen reichlich Geld zufließt. Für diese Töpfe interessieren sich jedoch auch die  weit über 400 (in Worten: über vierhundert!) Trägerfirmen, die sich allein auf dem Stadtterritorium Berlins um die Zukunft der Erwerbslosen drängeln. Wirklich um die Zukunft der Erwerbslosen? Oder doch eher um ganz anderes?

Mehr öffentliches Licht in  diesem wirtschaftlichen Paralleluniversum tut not.
Wir wollen dazu beizutragen .
 Wer seinerseits dazu Mosaiksteinchen – hier erst einmal zum Beispiel Berlin –  liefern kann, ist herzlich gebeteten,  mir diese Informationen zukommen zu lassen.
Ich beginne heute mit einem ersten Teil zu den mutmaßlichen Unregel-
mäßigkeiten in der größten Zentral- und Landesbibliothek Deutschlands, der ZLB Berlin, betreffend einem ABM-Projekt (Vergabevariante) in 2006/2007.

Folgende weitere Teile  zu diesem Fall sind geplant:
Teil 2: Die Entdeckung des „Wucherlohns“
Teil 3: Die verschlungenen Wege des Fördergeldes 
Teil 4: Auf zum Berliner Arbeitsgericht!
 Der Diplom-Bibliothekar Michael Schreck klagt jetzt
 wegen „Wucherlohn“

„Auf zum Schlossplatz!“

Mit diesem stolzen Ruf wirbt der honorige Freundeskreis der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek  Berlin für den großen Sprung der größten öffentlichen Bibliothek Deutschlands, der ZLB,  in die Mitte Berlins. Dort am Schlossplatz möchte die ZLB einen glanzvollen Neubau, offen für alle Berliner und Berlinerinnen errichten.

Aber nicht nur der Bau sondern auch die kostbaren und umfangreichen alten Buchbestände sollen in neuem Glanz erstrahlen. Deshalb wurde in 2006 sowohl ein großes Digitalisierungsprojekt als auch ein ebenso großes Katalogisierungsprojekt aus der Taufe gehoben. Bibliothekarische Projekte dieser Größenordnung machen jedoch zuallererst, lange bevor online gestaunt werden kann, entsetzlich viel Kopf- und Handarbeit: Jedes Objekt muss einzeln und punktgenau von speziell dafür fortgebildeten Fachkräften bearbeitet werden. Doch wer soll das bezahlen?

Die ZLB wusste sich zu helfen. Sie tat das, was sie schon seit Jahren immer tut: Sie fordert für solche Fleißaufgaben Akademiker und andere Gutqualifizierte an. Allerdings nur als ABM-Kräfte. Das heißt:  die noch erwerbslosen Arbeitnehmer werden in eine sogenannte ‚Arbeitsbeschaffungsmaßnahme’ (ABM – hier in der sog. Vergabe-Variante) verpflichtet und arbeiten dann für ungefähr ein Jahr vollzeitig in der Bibliothek. Früher waren diese ABM-Arbeitnehmer beim Arbeitsamt erhältlich, heute seltener und offenbar  über merkwürdig verschlungene Umwege  bei den Berliner Jobcenter.
Auf diese Wege wird noch zurückzukommen sein.

Im Pool des Berliner Wissensproletariats

Das Land Berlin verfügt mit seinen einst weitgefächerten Hochschulen und Projektszenen über einen breiten Pool von Akademikern, die nie feste Stellen hatten und häufig auch keine anstrebten. Seit jedoch die ‚arm-aber-sexy-Stadt’ rigorose Sparprogramme fährt, ist ein Überleben ohne Sturz in Hartz IV auch für diese Bildungsschicht nicht mehr möglich. Deshalb sind die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die ABM’s der JobCenter bei erwerbslosen Akademikern durchaus begehrt. Insbesondere wenn sie auch inhaltlich noch einen Sinn machen, wie das große Katalogisierungsprojekt oder das ebenso umfangreiche Digitalisierungsprojekt der ZLB. 
ABM-Stellen sind das hauchdünne Sahneschäumchen über einem ansonsten flächendeckenden Abgrund an meist sinnentleerten Maßnahmen der JobCenter.

von Maja  Binder (http://www.erwerbslos.info  )