Aufschwung geht an meisten Arbeitnehmern vorbei

Mittwoch, 5. März 2008, 12:06

Neue Studie untersucht Einkommen und Konsum

Vom wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen drei Jahre haben in Deutschland viel weniger Menschen profitiert als im letzten Aufschwung von 1998 bis Anfang 2001. Der Zuwachs an Wirtschaftsleistung ist dieses Mal ganz überwiegend den Beziehern von Gewinn- und Vermögenseinkommen zugeflossen. Die realen Nettolöhne je Beschäftigtem sind dagegen im aktuellen Aufschwung sogar um 3,5 Prozent gesunken. Das sind Ergebnisse einer neuen Studie, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung am heutigen Dienstag vorstellt.

Auch die staatlichen Transfers an die privaten Haushalte sind, anders als in früheren Aufschwungzyklen, real deutlich zurückgegangen. Zwar kam die gute Wirtschaftsentwicklung auch jenen zuvor arbeitslosen Menschen zu Gute, die eine neue Stelle fanden. Die Beschäftigung wuchs aber in diesem Aufschwung nicht wesentlich stärker als im Aufschwung um die Jahrtausendwende. "Der von vielen als Belohnung für Lohnzurückhaltung und Arbeitsmarktflexibilisierung versprochene erhebliche zusätzliche Beschäftigungsanstieg hat sich nicht eingestellt", sagt der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn. "Für die große Mehrheit der Bevölkerung hat der Begriff Konjunkturaufschwung eine neue Qualität bekommen: Wachstum ohne Einkommenszuwachs", so Horn.

Das IMK sieht angesichts der einseitigen Einkommensentwicklung nur geringe Chancen für einen Schub beim Konsum, der nach den Analysen vieler Forscher die Konjunktur in diesem Jahr antreiben muss, um einen Abschwung zu verhindern. Mit Hilfe ökonometrischer Simulationsrechnungen können die Wissenschaftler abgrenzen, wie stark sich verschiedene Faktoren auf die Einkommensentwicklung, den Konsum und das Wachstum ausgewirkt haben. Dabei zeigt sich: Von erheblicher Bedeutung ist, dass die Lohnentwicklung gesamtwirtschaftlich deutlich hinter dem Wachstum von Produktivität und Inflation zurückblieb, hinzu kommen die Folgen der Mehrwersteuererhöhung, die bis in dieses Jahr reichen. "Eine stärkere Lohnentwicklung, die gesamtwirtschaftlich den Verteilungsspielraum von rund 3,5 Prozent ausschöpft, würde Konsum und Wirtschaftsentwicklung voranbringen", sagt Horn.

– Privatkonsum stagniert –
Für die Studie, die heute als IMK Report Nr. 27 erscheint, haben Horn und die IMK-Forscher Dr. Camille Logeay und Dr. Rudolf Zwiener auf Basis der aktuellsten verfügbaren Daten den jüngsten und den vorhergegangenen Aufschwungzyklus miteinander verglichen. Beide Zyklen umfassten jeweils elf Quartale. Der aktuelle Aufschwung begann im vierten Quartal 2004, der vorige im zweiten Quartal 1998. In beiden Phasen stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preisbereinigt um jeweils sieben Prozent. Ein markanter Unterschied: Die wirtschaftliche Erholung ist im jüngsten Aufschwung fast ausschließlich vom Export getrieben, der preisbereinigt um 31 Prozent zunahm. Die Binnennachfrage (+4 Prozent), besonders jedoch der private Verbrauch blieben unter dem für eine Boomphase üblichen Niveau. In diesem Aufschwung stagnierte der Privatkonsum mit real plus einem Prozent. Im vorigen Zyklus war er real noch um gut sieben Prozent gewachsen.

– Löhne, Transfers, Gewinne: Einkommensschere öffnet sich –
Der Grund für die schwachen Konsumdaten liegt in der Einkommensentwicklung: Inflationsbereinigt stagnierte auch das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte. Im vorigen Aufschwung hatte es preisbereinigt noch um immerhin sieben Prozent zugenommen – genauso stark wie das Wirtschaftswachstum. Dabei entwickelten sich die einzelnen Einkommensarten sehr unterschiedlich:

An den Beziehern von Lohneinkommen ging der Aufschwung bislang vorbei, wie verschiedene Kenngrößen deutlich machen. Die realen Nettolohneinkommen aller Beschäftigten, gemessen in der Nettolohn- und Gehaltssumme, sanken um 1,5 Prozent – nach einem Zuwachs von real gut acht Prozent im Aufschwung zuvor. Die realen Nettolöhne je Arbeitnehmer gingen in diesem Aufschwung sogar um 3,5 Prozent zurück. Im Vergleichszyklus waren sie noch um vier Prozent gestiegen. Die Bruttolohnquote, die im letzten Aufschwung nach elf Quartalen bei rund 71 Prozent stagnierte, ist in diesem Zyklus von rund 68 auf etwa 64 Prozent gefallen.

Noch deutlicher sanken die realen Transfers, darunter  Renten,  an die privaten Haushalte: um fast sechs Prozent. Im vorigen Aufschwung waren die Leistungen noch um knapp vier Prozent gestiegen. Den Rückgang erklären die Ökonomen des IMK mit "Nullrunden bei den nominalen Renten, stagnierenden nominalen Leistungen bei Kindergeld, BaföG und anderen staatlichen Leistungen. Nur zu einem geringen Teil hat auch die niedrigere Arbeitslosenzahl dazu beigetragen."

Die Einnahmen von Unternehmern, vielen Selbstständigen, Aktienbesitzern und anderen Kapitaleignern stiegen dagegen deutlich an. Die Gewinne der Unternehmen seien "geradezu explodiert", so die Forscher: Die nominalen Bruttogewinne der Unternehmen wuchsen in diesem Aufschwung um 25 Prozent – nach fünf Prozent im vorigen Zyklus. Der Anteil der Bruttogewinnquote am Volkseinkommen stieg von 32 auf knapp 36 Prozent. Die sehr gute Entwicklung der Gewinne ist nach der IMK-Analyse die Kehrseite der schwachen Entwicklung bei den Arbeitnehmereinkommen: "Die Unternehmen waren bei guter Konjunktur nicht gezwungen, die geringen Arbeitskostensteigerungen vollständig in den Preisen weiterzugeben und diese – bei Einrechnung der Produktivitätsfortschritte – zu senken", schreiben die Wissenschaftler. "Letztlich konnte der Aufschwung von den Unternehmen für eine massive Umverteilung zu ihren Gunsten genutzt werden."

Damit sei der Einkommenszuwachs bislang vor allem den Vermögensbesitzern zu Gute gekommen, so das IMK, und damit einer relativ kleinen Gruppe in der Bevölkerung. Zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung haben kein oder nur geringes Vermögen, während das reichste Zehntel knapp 60 Prozent besitzt, wie eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Vermögensstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unlängst ergeben hat. Auch wenn ein Teil der Arbeitnehmerhaushalte Kapitalvermögen oder Aktien besitzt, ist für die große Mehrheit der Arbeitsverdienst die dominierende Einkommensquelle.

– Keine Ausnahme-Dynamik bei der Beschäftigung –
Die schwache Einkommensentwicklung ging nicht mit einer besonders starken Beschäftigungstendenz einher, so die IMK-Analyse. Die Beschäftigung entwickelte sich in diesem Aufschwung mit einer Zunahme von zwei Prozent nicht außergewöhnlich stark. Die Zahl der Arbeitslosen sank zwar um gut 700 000 Personen. Die hohe Dynamik erklärt sich jedoch wesentlich damit, dass geburtenstarke Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden. So sank das Arbeitskräfteangebot, während es im vorherigen Aufschwung noch zunahm. Verglichen mit dem letzten Aufschwung hat die Gesamtzahl der Beschäftigten etwas weniger stark zugenommen, die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten etwas stärker (+ 759 000 Personen nach +653 000).

Vor diesem Hintergrund attestieren die Forscher den Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre unter dem Aspekt der Beschäftigungsentwicklung "allenfalls leicht positive Effekte". Zugleich setzten die Förderung von Leiharbeit und geringfügiger Beschäftigung ebenso wie die Aufstocker-Regelungen von Hartz IV die Löhne für reguläre Beschäftigung unter Druck. "Das Problem ist für Deutschland von besonderer Bedeutung, weil im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern keine Lohnuntergrenze in Form eines Mindestlohns existiert", warnen die Ökonomen.

Mit ökonometrischen Simulationsrechnungen haben die Wissenschaftler untersucht, wie sich Einkommen, Konsum und Bruttoinlandsprodukt entwickelt hätten, wenn sich Löhne, Finanzpolitik und Importpreise in diesem Aufschwung ebenso entwickelt hätten wie im vorigen. Ergebnis:

Die im Vergleich zum letzten Aufschwung niedrigere Lohnentwicklung half zwar dem Export. Doch sie schadete dem privaten Verbrauch, mit 55 Prozent die größte Komponente der wirtschaftlichen Entwicklung. Allein als Folge der geringeren Lohnsteigerungen in den vergangenen drei Jahren büßten die realen Nettolöhne je Beschäftigtem im Vergleich rund dreieinhalb Prozent ein. Das schmälerte den Konsum um gut ein Prozent und das BIP-Wachstum um einen halben Prozentpunkt.

Das Wachstum wurde durch die Kombination aus höherer Mehrwertsteuer und den geringeren Transfers an die privaten Haushalte bisher um knapp einen Prozentpunkt gedrückt. Die Auswirkungen auf den privaten Verbrauch waren erheblich – er wurde dadurch um knapp 1,5 Prozent reduziert.

Die im Vergleich deutlich stärkere Steigerung der Importpreise reduzierte die realen Nettolöhne je Beschäftigten um bis zu 1,5 Prozent. Der reale private Konsum wurde durch die vergleichsweise höhere Preisentwicklung um rund ein Prozent reduziert. Höhere Importpreise etwa für Öl und Gas gehen aber einher mit einer größeren Güternachfrage in den ölexportierenden Ländern. Davon profitiert wiederum die deutsche Exportindustrie. Daher hat sich das Wirtschaftswachstum durch die im Vergleich höheren Importpreise und die stärkere Exportentwicklung tendenziell sogar erhöht, so das IMK.

Weitere Informationen:

im Böckler Impuls 4/2008 (pdf)

Report zum Download (pdf)