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Qualifizierungsmaßnahmen der Agentur für Arbeit

Dann sitzen wir mal unsere Zeit ab!
Tausende von Arbeitslosen  hoffen, durch eine Weiterbildung ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Die Erwartungen, die sie in eine zusätzliche Qualifizierung setzen, können aber durch die Strukturen der privaten Bildungsanbieter oftmals nicht erfüllt werden.

 

Computerarbeitsplätze, ein bequemer Drehstuhl, ein withe board an der makellos  weißen Wand, ein Beamer an der Decke. Ich gebe zu , ich bin beeindruckt. Das hatte ich nicht erwartet . Jedenfalls nicht von einer Weiterbildungsmaßnahme der Agentur für Arbeit. Der Kommentar meines Nebenmanns, als wir uns die Hände schütteln, ist schon eher etwas, was das Klischee bedient: „Hallo, ich bin der Achim! Ich kenn mich aus, dass ist schon meine dritte Maßnahme.“

Achims  Aussage wird aber unter den 15 weitern Teilnehmern des Kurses eine Ausnahme bilden. Hier im Kurs findet man keine Langzeitarbeitslosen, die die Hoffnung aufgegeben haben und sich nun von Maßnahme zu Maßnahme weiterreichen lassen, damit in dieser Zeit ihr Arbeitslosengeld weiter gezahlt wird. Hier hat sich ein bunt gemischter Haufen versammelt: Diplom- und Sozialpädagogen sitzen zusammen mit Leuten, die einen Abschluss in BWL und Kommunikationswissenschaft haben. Daneben gibt es auch einen Mechaniker, zwei Frauen die zuvor in der Buchhaltung gearbeitet haben, mehrere, die bisher selbständig waren und einen ehemaligen Vertriebsleiter einer Tageszeitung.

In der Vorstellungsrunde ballen sich bis zu 10, 20 auch 30 Jahre berufliche Lebenserfahrung. Projektleitung in Großkonzernen, Umgestaltung von Firmenprofilen, finden sich ebenso wieder wie universitäre Seminarleitung, der Aufstieg vom Mechaniker zum Disponenten bei einer Leihfirma oder der 30 jährige Verbleib in ein und dem selben Betrieb.  

In ihrem Internet-Kursangebot führt die Agentur für Arbeit über 1400 Kurse der verschiedensten Anbieter. Kleine Tageskurse, die die Rhetorik schulen sollen, ebenso wie große, langwierige Ausbildungen z.B. zum Betriebswirt oder Projektmanager. Ein Teil der Kurse ist speziell als Qualifikationsmaßnahe der Agentur ausgeschrieben und kann dann durch Ausstellung eines Bildungsgutscheines vom Arbeitslosen unentgeltlich besucht werden.   

Unsere Weiterbildung soll uns befähigen als Personalreferent zu arbeiten. Da wir den Auftrag haben uns weiter zu bewerben, ist das Kursangebot in Module unterteilt, die alle zertifiziert werden. Sollten wir vor Ablauf des Kurses eine Arbeit finden, werden uns die Module zertifiziert, die wir bereits beendet haben.  Der Bildungsträger verspricht, dass uns Grundlagen vermittelt werden, die uns in die Lage versetzen sollen, in einer Personalabteilung eines Unternehmens arbeiten zu können.

Ich bin skeptisch, was die Qualität eines Kurses unter privater Trägerschaft angeht. Diese Skepsis speist sich aus der Erfahrung, dass ich zwei Monate zuvor für einen anderen privaten Bildungsträger tätig war. Meine Aufgabe bestand darin im Rahmen einer Maßnahme der Agentur für Arbeit Auszubildenden, Nachhilfe in den Berufsschulfächern zu geben.
Als jemand, der bereits im staatlichen Schuldienst gearbeitet hatte, war ich sehr viel Struktur gewöhnt.  An staatlichen Schulen war klar, wer meine Schüler sind, von wem sie vorher betreut wurden, an wen ich mich zu wenden hatte, wenn ich verhindert war,  wo der Wissenstand der Schüler sein sollte, was ich zu vermitteln hatte, wo ich Schulbücher und Materialine finden konnte. Hier: Keine Schülerliste, Lehrmaterialien oder  klar geregelten Verantwortlichkeiten, oftmals auch keine Schüler, da diese nicht erschienen.   

Meine Bedenken teile ich am ersten Tag dem Hauptreferent mit. Er versichert mir, als Selbständiger kenne er das Problem, aber hier sei dies einen ganz andere Sache.

Auf den ersten Blick kann ich dem auch nur zustimmen.

 

Als Lehrer oder Trainer einer öffentlichen Bildungseinrichtung ist man in der Regel nicht fest angestellt. Man wird nach Bedarf für eine bestimmte Zeit beauftragt, einen Kurs zu halten. Der Stundenlohn beträgt in Regel 18 oder 19€. Auf den ersten Blick erscheint das viel. Zieht man aber Steuern und Sozialabgaben ab und stellt in Rechnung, dass man nicht jede Woche 40 Stunden arbeiten kann, dann bleibt unter dem Strich recht wenig übrig. Bezahlt werden im  Übrigen auch nur die gehaltenen Stunden, die Vorbereitung fällt hier ganz aus der Rechnung.  

Unser Hauptdozent ist ein Unterhaltungstalent. Eigentliche ein Kommunikationstrainer, soll er uns betriebliche Personalwirtschaft nahebringen. In der ersten Woche beginne ich mir Notizen zu machen, wann er etwas sagt, was mit dem Thema zu tun hat und wann nicht. 60% seiner Zeit bezieht er sich auf das Thema 40 % auf Themen, die er kennt und die ihm vertraut sind.

Mit voranschreitendem Kurs wird aber klar, dass er nicht mehr weiß, wie er das ihm vorgegeben Thema mit Inhalt füllen soll, um so öfter redet er über das Geschäft als Trainer und erzählt Anekdoten. Er gleicht die Inhaltsleere dadurch aus, dass er auf unser Wünsche eingeht. Bewerbungsgespräche und Assesment Center Aufgaben werden simuliert, er geht mit uns Bewerbungsmappen und Lebensläufe durch. Da der Kurs den Titel Personalreferent trägt, der eine Vielzahl von Aufgaben einer Personalabteilung umfasst, passt dies irgendwie.

Ein privater Bildungsanbieter bewirbt sich mit einem Ausschreibungsangebot um die Massnahmenförderung der Agentur für Arbeit. In diesen Ausschreibungen werden für die einzelnen Tage der Weiterbildung Themenfelder eingeplant, die inhaltlich dann von den beauftragten Trainern gefüllt werden. Wie das entsprechende Modul gefüllt wird hängt stark von den Kursteilnehmern ab. Bildungsstand, Alter, Dauer der Arbeitslosigkeit und Motivation können bei der Themengestaltung eine Rolle spielen. Jeder Kursteilnehmer füllt bevor der Kurs beginnt einen Personalbogen aus, welchem diese Angaben abgelesen werden können. In der Theorie soll dies dann die Vorbereitung des Referenten erleichtern.

„Train the Trainer“ heißt ein Baustein des Kurses, mit ihm soll den Teilnehmern die Grundlagen der Vermittlung von Wissen beigebracht werden. Eine schwere Aufgabe, wenn man uns Kursteilnehmer betrachtet, bei denen über die Hälfte schon eine beträchtliche pädagogische Kompetenz besitzt.                                                                     Der Trainer scheint von der Gruppe etwas geschockt, er wirkt unvorbereitet und unsicher. Nach einer unbequemen Vorstellungsrunde mit Moderationskarten werden wir aufgefordert, einen fiktiven Seminarverlauf zu planen. Ein orientierendes Beispiel gibt er zuvor nicht . Diejenigen von uns, die dies noch nie getan haben sind überfordert. Wir anderen helfen, die Aufgabe wird gelöst, aber in den Pausen formieren sich die ersten Stimmen gegen den Mann.  Als wir uns am nächsten Tag Einstiegssituationen für Betriebsseminare überlegen sollen, ohne dass ausreichend Beispiele gegeben wurden, wie man das macht, kommt es zum Eklat. Seine Methoden und Vorgehensweise wird in Frage gestellt. Gefordert wird, er soll sich der Gruppe anpassen. Zu unserer Überraschung geschieht genau dies. Die Qualität seiner Module nimmt zu. Für ihn bedeutet dies aber ein Mehr an Arbeit; manchmal kommen noch nach 22:00 Uhr E-Mails von ihm, in denen er die Struktur des kommenden Tages bekannt gibt und uns eine Zusammenfassung des Bearbeiteten schickt. Später erfahren wir, seinen ursprünglichen Beruf, er ist BWLer.

Wer über die Agentur für Arbeit einen Weiterbildung besucht, schließt mit dem Bildungsträger eine Art Arbeitsvertrag ab. Dies bedeutet für die Agentur für Arbeit, dass derjenige, der eine Weiterbildung besucht, nicht mehr als Arbeitsloser in der Statistik auftaucht, auch wenn er in dieser Zeit noch seine vollen Arbeitslosenbezüge erhält.  Für den, der diese Weiterbildung besucht heißt dies, dass er bei der Bildungseinrichtung zwischen bestimmten Zeiten anwesend sein muss. Im Kurs Personalreferent sind dies die Stunden zwischen 8:00 bis 16:00 Uhr.

Mein Zug hatte Verspätung ich bin durch die Stadt gerannt, um noch pünktlich zu kommen. Ich bin 10 Minuten zu spät. Bei 15 Minuten gibt es einen Eintrag. Hat man eine bestimmte Anzahl von Anträgen gesammelt, kommt es zur Meldung bei der Agentur für Arbeit. Also noch Pünktlich. Ich bereite mich auf einen Rüffel vor bevor ich den Raum betrete. Völlig umsonst. Noch kein Trainer da. „Der kommt heute auch nicht mehr!“  Achim sieht mein fragendes Gesicht.

„Das war in allen Maßnahmen bisher so, ist der Referent krank oder kann aus irgend einem Grund nicht, dann können die den nicht ersetzen. Woher auch?“  Unsere Aufgabe ist nun Selbststudium bis um 16:00 Uhr zu betreiben.

Bis zum Ende des Kurses Personalreferent werden sieben Tage von 100 nicht ausgefüllt werden können. Um sich zu entlasten, werden wir an diesen Tagen auf Praktikumssuche geschickt. Dem Kurs soll sich ein vierwöchiges Praktikum anschließen, möglichst in der Personalabteilung.

Alle Firmen bei denen ich mich dafür bewerbe, geben die gleiche Antwort: „Vier Wochen sind zu wenig, um sie etwas sinnvolles machen zu lassen.“ Da mein Bildungsgutschein das Praktikum nicht abdeckt, bewerbe ich mich an diesen Tagen um richtige Jobs.   

 

Keiner der Trainer, die wir haben, hat eine pädagogische Ausbildung. Meist sind sie aus ihrem Studium oder ihrer Berufsausbildung in diese Selbständigkeit gerutscht. Das auch das Lehren gelernt werden muss und schon lange nicht mehr aus purem dozieren besteht, ist auch diesen Trainern bewusst. Manche bilden sich hier methodisch verbissen weiter, um auf dem Markt eine Chance zu haben. Anderen fehlt die Verbissenheit, Ausdauer oder auch nur die Zeit, um sich Methoden neben ihrem pendeln zwischen den verschiedenen Bildungsträgern zu erarbeiten. Sie kämpfen sichtlich mit ihren Stunden und mi ihnen kämpfen auch die Schüler.

8:20 seit 20 Minuten warten wir auf den Dozenten. Sogar Achim ist pünktlich. 

 „Hörzu, ich bin über 50, was bringt mir das hier eigentlich, außer dass mein Arbeitslosengeld verlängert wird?“ 

Dennoch hat er sich angepasst. Arbeitet sogar mit. In den ersten Wochen hat er das eher widerstrebend gemacht. Die meisten von uns wollen aus dem Kurs herausholen, was sie können. Das wirkt ansteckend.

Unter dem Arm einen Stapel Kopien betritt der Dozent endlich den Raum. „Entschuldigen sie, ich habe noch  mit dem Kopierer gekämpft.“  Der Kampf mit dem Kopierer wird jede Woche geschlagen.  Ich erinnere mich an meine Zeit als Lehrer. Wenn ich wirklich in eine Klasse will, dann stehe ich rechtzeitig an einem Kopiere dessen Tücken ich bereits kenne.

Frontalunterricht, die Stimmer ist monoton. Ein Modell zur Organisationsumstrukturierung wird vorgestellt.  Das Modell hat drei Stufen: Nach 10 Minuten drifte ich ab. Kann nicht mehr zuhören. Um wach zu bleiben, frage ich mich, wie hätte ich dieses Modell eingeführt? 1. Theoretisch vorstellen 2. Ein Beispiel einbauen 3. Mit einem neuen Beispiel von der Gruppe erklären lassen. Dauer 45 Minuten.  Nach einer Stunde wird immer noch an Stufe eins des Modells erklärt. Pause. Eigentlich 15 Minuten. Nach 40 ist der Dozent wieder da. Es geht weiter.  45 Minuten später, der Dozent ist gerade bei Stufe zwei, fragt jemand aus der Gruppe: „Eigentlich hätten wir jetzt Pause!“, statt zu sagen, wir machen das schnell fertig und dann geht es in die Pause, gibt es  auf der Stelle Pause.  Eigentlich 15 Minuten  – 30 Minuten später geht es weiter .  Nach 15 Minuten ist das Modell erklärt. Der Trainer schlägt vor: „Sie können jetzt Mittagspause machen, danach gibt es dann eine Gruppenarbeit. Es lohnt sich nicht jetzt noch damit anzufangen.“

Nach der Mittagspause: Wir lesen uns ein Fallbeispiel durch. Hierzu gibt es drei Fragen.  Irgendwie beantwortet jeder die Aufgaben selbst.  Nach 20 Minuten hat sie jeder beantwortet.  Warten bis es 16:00 Uhr ist. Nicht nur ich bin wütend. Am nächsten Tag sind einige krank oder lassen sich entschuldigen, weil sie ein „Bewerbungsgespräch“ führen müssen.

 

Nach und nach wird uns klar, dass der Kurs uns nicht dazu befähigen uns besser in der Personalabteilung eines Betriebes zu bewähren.

Es geht hier um ein Geschäft, an dem viele beteiligt sind. Auch eines, an welches Hoffnungen geknüpft werden, die allein durch die Struktur der Sache nicht erfüllt werden können.

Wir Arbeitslosen haben die Hoffnung durch einen solchen Kurs einen Qualifikation zu erreichen, die uns  bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt verleiht. So wird uns diese oder einen andere Weiterbildung auch angeboten.

Die Agentur für Arbeit möchte ihre Quote erfüllen, d.h. sie möchte die Zahlen der Arbeitslosen senken. Jeder der in einer Weiterbildung eingebunden wird, fällt aus der Arbeitslosenstatistik heraus.

Der Bildungsträger möchte Geld verdienen. Er macht der Agentur für Arbeit ein gutes Angebot.  Dasjenige  Angebot scheint für die Agentur für Arbeit am attraktivsten, welches viel zu bieten scheint und kostengünstig ist.

Ein günstiges Angebot bedeutet, dass man an irgendeiner Stelle sparen muss, um noch profitabel zu arbeiten. Ein bis ins kleinste mit Materialien ausgearbeitetes Curriculum wäre zu teuer, ebenso wie festangestellte Mitarbeiter. So wird die inhaltliche Füllung der Weiterbildung den Trainern überlassen, die aber auch nichts kosten dürfen.

Die Trainer arbeiten für einen geringen Lohn. Von ihnen wird erwartet, dass sie mehr Stunden zu einem geringeren Preis als die Lehrer an staatlichen Schulen ableisten. Wie hoch kann die Motivation eines Referent sein, der bereits acht Stunden gearbeitet hat und nun noch acht Stunden vorbereiten soll. Wenn möglich mit seinem eigenen Material.

Trainer denen eine bessere Bezahlung geboten wird, wandern ab. Ihre Nachfolger müssen sich komplett neu in das Thema einarbeiten, denn auch sie haben nicht mehr zur Hand als das Curriculum des Bildungsträgers.

Bildungsqualität, im Sinne, dass ein Folgekurs die gleichen Inhalte erlernt, als der vorangegangene schließen sich unter solchen Bedingungen einfach aus.

Natürlich hat eine solche Maßnahme auch positive Aspekte, auch wenn sie das Bildungsziel nicht erreicht: Wenigstens die Lehrkräfte  des Bildungsträgers haben ihr Auskommen.

Für die Teilnehmer ergibt sich, dass ihr Tagesablauf wieder eine Regelmäßigkeit erhält, was zumindest in unserem Kurs von allen als positiv aufgefasst wurde. Zudem motiviert man sich gegenseitig sich zu bewerben und freut sich, wenn einer eine Arbeit gefunden hat. Aus dem Kurs Personalreferent haben bisher vier Leute einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Nicht als Personalreferent versteht sich.

Unser erster Tag Betriebsrecht, eine Überraschung, der Trainer schafft es das Thema so zu gestalten, dass wir mit Feuer mitarbeiten. Am Ende teilt er uns jedoch mit: „Ich muss ihnen leider sagen, dies war mein erster und letzter Tag mit ihnen. Ich habe ein besseres Angebot bekommen und werde dies nun wahrnehmen. Ich wünsche ihnen viel Erfolg für ihre Zukunft“

Achim grinst mich an: „Weist Du was jetzt ist?“

Ich hebe meine Schultern.

„Dann sitzen wir mal wieder unsere Zeit ab!“

Nachtrag:
Dies habe ich vor zwei Monaten geschrieben. Der Kurs hat zwar an Niveau
zugelegt, aber es ist immer noch fraglich, ob dies unsere Chancen erhöht
hat.Als ich dies in der vergangenen Monat einer Beraterin der Argentur für
Arbeit mitteilte, wollte sie mir nicht glauben und hat mir die Frage gestellt: 
" Wenn sie denken, dass dieser Kurs ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht erhöht, warum haben sie ihn dann besucht?"


Das war sicher eine gute Frage.

 

Martin Wagner