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Gemeinsame Selbsttötung

In den Tod, bloß nicht allein

Drei Mädchen liegen tot im Zelt. Sie haben sich vergiftet, absichtlich, gemeinsam. Geschehen am Wochenende in Niedersachsen. 16, 18 und 19 Jahre alt waren die Mädchen, die lieber sterben als weiterleben wollten.

Im Mai zündeten sich im Sauerland ein 13 Jahre altes Mädchen und ein 16 Jahre alter Junge an. Er starb sofort an den schweren Verbrennungen, um das Leben des Mädchens kämpften Ärzte drei Wochen lang – dann starb auch sie.

Warum verabreden sich Jugendliche zum Suizid? Wie verzweifelt müssen sie gewesen sein? «Oft sind Menschen, die gemeinsam eine Selbsttötung begehen, sehr einsam», sagt Barbara Schneider, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. «Die Selbsttötung fällt leichter, wenn sie sie miteinander begehen.»

Suizid in der Gruppe, wie nun in Niedersachsen oder auch im Sauerland, ist eher selten. Wenn Menschen sich gemeinsam töten, sind es meist ältere Paare. Dann, wenn beispielsweise einer der beiden schwer krank ist und der Gesunde alleine nicht weiterleben möchte, erklärt die Expertin. «In der Regel sind Personen, die in schwierigen Situationen gemeinsam Suizid begehen, depressiv und sehen im Leben keinen Sinn mehr.»

Der organisierte Tod

Ein Zelt im Wald, ein Benzinkanister auf der Wiese, ein stiller Ort: Die gemeinsamen Suizide beängstigen durch die Planung. Auch Expertin Barbara Schneider hat in Untersuchungen beobachtet, dass die Selbsttötungen allein meist eher kurzfristig geplant sind, die in der Gruppe mit mehr Organisation einhergehen. Wer sich in einem der Suizid-Foren verabredet hat, der muss einen gemeinsamen Ort, eine Zeit, eine Tötungsart finden. «Aber eine Regel gibt es dafür nicht», sagt sie. Manchmal sind auch Suizide in der Gruppe spontan, vor allem, wenn sich die Menschen kennen und eine emotionale Situation eskaliert. Häufig fänden sich aber Abschiedsbriefe – ein Beweis für die eher langfristigen Organisation und Planung des eigenen Todes.

Untersuchungen darüber, wer zum Suizid in der Gruppe neigt, gibt es bisher nicht. Doch das gemeinschaftliche Sterben ist nicht neu: «Verabredungen zum Suizid gab es immer schon», sagt Barbara Schneider. Der Sohn von Sissi beispielsweise: Kronprinz Rudolf. Der 1858 geborene Thronfolger versuchte erst seine Geliebte zu überreden, mit ihm gemeinsam zu sterben. Als die ablehnte, überredete er einige Zeit später eine andere Geliebte – sie willigte ein.

Eine Geschichte, die romantisch klingt und den Suizid verklärt. Werther-Effekt nennt sich das, nach dem Goethe-Klassiker Die Leiden des jungen Werther, dessen Erscheinen eine Welle von Selbsttötungen nach sich zog. Organisationen wie das Nationale Suizid-Präventionsprogramm warnen deshalb vor der Romantisierung der gemeinschaftlichen Selbsttötungen: «Ein Suizid ist meist der Endpunkt einer psychischen Krise und großer innerer Not.» Dieser psychische Zustand lasse kaum die Möglichkeit einer freien Entscheidung zu. Und habe erst recht nichts mit Romantik zu tun.

Hilfe für Suizidgefährdete gibt es bei der Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Wie Eltern erkennen können, ob ihr Kind suizidgefährdet oder depressiv ist, und was man dagegen tun kann, sehen Sie unserer Bilderstrecke.

Quelle:
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Gesellschaft News
Gruppen-Selbstmord – In den Tod, bloß nicht allein