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Zorniger Zwischenruf – Behindert sein und werden

Bild: Erich Westendarf / Pixelio.de

Eine Antwort auf den Beitrag „Zorniger Zwischenruf – Lasst mich rein, ich kann Arzt

Ein Beitrag zur Bewegung „Echte Demokratie jetzt!

Ich habe nichts falsch gemacht. Doch, einen Moment – ich habe wohl etwas falsch gemacht: Ich habe mich darauf verlassen, dass ihr mir die Wahrheit gesagt hat. Damals, als ich noch jünger war. Ich habe mich darauf verlassen, dass es stimmt, dass Leistung sich lohnt und dass der Wille zur Leistung honoriert wird. Aber ihr habt gelogen!

Mein Abitur habe ich mit einer guten Note abgeschlossen: 2,4. Über eine Beratung durch euch habe ich ein Studium angestrebt. Ich habe dafür erfolgreich ein mehrmonatiges Vorpraktikum in einer anderen Stadt geleistet in einem Unternehmen, dass es heute schon gar nicht mehr gibt. Dafür gab es nicht mal eine Aufwandsentschädigung! Um dieses Praktikum überhaupt zu bekommen, musste ich mich lang machen. Sehr lang. Denn ich bin behindert. Und ich bin arm. Ach Entschuldigung bitte: ich bin natürlich von Armut bedroht! Als ich es dann bekam, war klar, dass ich zum Beginn des Semesters damit nicht fertig sein würde und somit die Zugangsvoraussetzungen für die Zulassung nicht erfülle. Ich habe während dieses Praktikums gehungert. Und das sollte nicht das letzte Mal in meinem bis jetzt kurzen Leben sein.

Ich habe den Rest des Semesters nach dem Praktikum einer ebenfalls behinderten Studentin zur Seite gestanden und ihr bei den täglich anfallenden Arbeiten eines Studiums geholfen. Mein Studium habe ich fast in der Regelstudienzeit absolviert. Ich brauchte wegen eines einmaligen Durchfallens und dem folgenden Problem der Kursüberschniedung nur ein Semester länger. Und ich habe es gut abgeschlossen. Sehr gut. Mit 1,64! Mündliche und schriftliche Abschlussprüfung mit glatter 1! Ich habe währenddessen ein weiteres Praktikum absolviert und wurde danach über einen Studentenvertrag weiterbeschäftigt. Für einen Hungerlohn! Ich habe während des Studiums und danach auch selbständig gearbeitet. Ich habe nach dem Studium das Angebot genutzt, den Abschluss aufzuwerten zu einem Master of Science. Aber ich war weiterhin arm und musste es ein Semester vor Abschluss abbrechen. Weil ihr nicht wollt, dass man als Armer weiter gefördert wird. Meine Noten bewegten sich bis dahin in einem guten Rahmen.

Ich habe mich gesellschaftlich engagiert und mache das heute noch. Ich weiß mehr über den ganzen Sozialapparat als so mancher Bachelor-Absolvent, ohne dass ich etwas aus dieser Branche studiert hätte. Und ich lese jeden Tag Nachrichten. Ich bin aktiv in unterschiedlichen gesellschaftlichen Initiativen. Doch trotz all dieser Bemühungen war und bin ich erwerbslos. Trotz meiner Bemühungen, aus der Erwerbslosigkeit herauszukommen, hat man mich ignoriert. Ich habe Fortbildungen beantragt, die abgelehnt wurden. Irgendwann wollte mich dann ein Arbeitgeber haben für eine recht einfache Tätigkeit und auch nur dann, wenn er den Großteil des Lohns, nämlich 70 % des Bruttolohns, vom Staat kriegt. Denn ich bin ja behindert. Von Geburt an. Und darum bin ich ein Minderleister. Sagen sie. Sagt ihr!

Ich treibe Sport, obwohl ich arm, behindert und erwerbslos bin. Komisch, oder? Ich habe keinen Fernseher und kein Telefon, obwohl ich behindert und erwerbslos bin. Komisch, oder? Ich habe jeden Tag etwas zu tun, obwohl ich erwerbslos bin. Komisch, oder?

Das mit dem Job klappte nicht. Ich hab mir dafür zwar einen Arm ausgerissen, aber dauerhaft funktioniert das wohl nicht. Ich bin wohl doch zu behindert, um in einem normalen Unternehmen zu arbeiten. Den ganzen Tag lang mit Übestunden, von denen ich mehr als genug gerissen habe. Oder wie jetzt? Ihr habt danach gesagt, dass ich in dem Berufsfeld nicht mehr arbeiten kann, weil mich das schädigt. Dann wurde ich zwei Mal krank und das schädigte mich weiter.

Jetzt stehe ich hier, mal wieder erwerbslos und laut euch für nichts anderes als Helfertätigkeiten zu gebrauchen. Neulich, da habt ihr mich beraten, um mich zu rehabilitieren. „Mehr als Kammerniveau [also IHK-Abschluss] ist nicht drin.“ – und das auch nur im Büro. Also genau dort, wo ich möglichst nicht mehr arbeiten soll, wie ihr sagtet. Ich solle es doch mal probieren. Schön! Gut! Ich probiere es! Wie ihr wollt! Und danach? Unter Kammerniveau? Aber dann arm, behindert und alt. Ihr stehlt mir meine Zeit!

Ich habe euch gesagt, dass ich sowohl das Zeug als auch die Lust darauf habe, mich meiner Leistung entsprechend zu bilden. Ein Studium wäre angebracht. IHR klagt doch dauernd über den Fachkräftemangel! IHR klagt doch dauernd, die Arbeitslosen seien nicht intelligent genug und man würde ja niemanden finden, der … Und IHR seid es, die mir dann sagen: „Das ist bei der Rehabilitation nicht vorgesehen. Ein Studium wird nicht finanziert.“ Ein Studium nicht, aber sämtliche schwachsinnige sogenannte Maßnahmen, deren Ergebnis ich jetzt schon kenne.

IHR seid es auch, die mir sagen, dass es nicht möglich ist, mich von der BAföG-Rückzahlung zu befreien. Auch dann nicht, wenn ich in meinem erlernten Bereich nie wieder werde Fuß fassen können. Auch dann nicht, wenn ihr mir nur noch Kammerberufe anbietet, die ich nicht machen kann. Auch dann nicht, wenn ich als Helfer oder Helfershelfer irgendwann mal mit einem Armutslohn nach Hause gehen werde. Habt IHR nicht gesagt, dass es ja kein Problem ist, das BAföG zurück zu zahlen, weil jeder nach dem Studium eine Arbeit bekommt, die viel höher entlohnt wird, als hätte er eine normale Ausbildung gemacht? Ihr habt gelogen!

Erzählt euren Kindern keine Lügen!

Euer System ist gescheitert! – Ich bin empört!

Jetzt sind wir dran! – Ich engagieren mich!

Zornige Jugend! – Wir sind viele!

Autor: Benutzer des Erwerbslosen Forum Deutschland, http://www.elo-forum.org/