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Rating-Agenturen

Foto: pixelio.de

 

von Dr. Gero Jenner

Es war einmal ein Mann, der hatte einen großen Kummer. Sein Geld reichte weder nach links noch nach rechts, weder nach vorn noch nach hinten. Weil er das nicht länger ertrug, nahm er seine Börse und schlug wild darauf ein. Das tat er nun jeden Tag, und siehe da, es war ihm danach sehr viel leichter ums Herz.

 

Auch unseren Politikern und ihrem Sprachrohr, den Boulevardblättern, ist leichter ums Herz geworden, nachdem sie die Börse entdeckten, auf die sie einschlagen können. Es sind die Rating-Agenturen. Inzwischen stellen wir fest – und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus – dass sogar Ökonomen, denen man bis dahin das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen hatte, munter auf die Rating-Agenturen eindreschen. Einige von ihnen stellen zumindest die Forderung auf, Europa solle eigene Agenturen ins Leben rufen. Offenbar sind sie der Meinung, diese könne man dazu erziehen, in hohen Staatsschulden eine Naturnotwendigkeit zu erblicken.

 

Zweifellos gibt es an Moody`s & Co. viel zu kritisieren. Sie haben Hypotheken-Papieren eine Bestnote ausgestellt und damit die Immobilienkrise von 2007 wenn nicht ermöglicht, so doch wesentlich begünstigt. Es ist nicht richtig, wenn sie dagegen halten, dass die Papiere zum Zeitpunkt ihrer Bewertung noch ganz solide erschienen. Der gesunde Menschenverstand sagt selbst einem Laien, dass die Häuserpreise irgendwann fallen müssen, wenn man in einem wilden Boom immer mehr von ihnen errichtet. Man kann den Agenturen gleichfalls zum Vorwurf machen, dass sie sich von Konzernen aushalten lassen, denen sie dann aus Dankbarkeit einen Persilschein ausstellen. Doch was wäre die Alternative? Eine öffentliche Finanzierung würde an diesem Missstand kaum etwas ändern, denn dann wäre ihre Objektivität aufgrund ihrer Verpflichtung gegenüber den sie fördernden Staaten gefährdet. Solange kein Büro auf dem Mars existiert, das aus reiner Liebe für unseren Erdball diese Agenturen in völliger Uneigennützigkeit finanziert, wird sich kaum etwas ändern.

 

 

Das mindert aber nicht die Brauchbarkeit dieser Institutionen für die Geldgeber überall auf der Welt. Mit den Rating-Agenturen verhält es sich nämlich so wie mit dem lieben Gott aus der Sicht von Monsieur Voltaire. Wenn es sie nicht gäbe, müssten wir sie erfinden. Die Internationale der Gläubiger, also deutsche, amerikanische, südafrikanische, französische … Privatpersonen, Pensionsfonds, Versicherungen, Hedgefonds usw.. sind ganz elementar daran interessiert, ob sie ihr Geld an einem halbwegs sicheren oder an einem gefährdeten Ort anlegen. Dieses Wissen ist für sie so wertvoll, dass sie Institutionen wie Moody`s, Standard & Poor’s, Fitch und Co. gern ausreichend für ihre Hinweise belohnen. Die diesbezüglichen Beträge sind vernachlässigenswert im Vergleich zu den Verlusten, die sie aufgrund von Fehlinvestitionen erleiden.

 

Mit fortschreitender Globalisierung haben sich die Möglichkeiten und Chancen, aber auch die Risiken der Geldanlage vertausendfacht, richtiger sollte hier von einer exponentiellen Zunahme von Risiken und Chancen die Rede sein. Es locken die größten Gewinne – und es drohen Totalverluste. Das Aufkommen von Rating-Agenturen war die logische Antwort auf den globalisierten Geldverkehr. Solange es diesen gibt, wird es auch die Rating-Agenturen geben. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als dessen notwendiges Gegenstück.

 

Die empörten Politiker und Ökonomen, die nun den Agenturen am Zeuge flicken, sehen beflissen darüber hinweg, dass diese eine überaus wichtige Funktion wahrnehmen. Sie lenken nämlich überschüssiges Geld überall dorthin, wo es die größte volkswirtschaftliche Wirkung erzielt. Auf internationaler Ebene bewirken sie damit genau dasselbe wie jede seriöse Bank auf nationaler Ebene. Diese stellt das Geld der Sparer vorzugweise jenen Unternehmen als Kredit zur Verfügung, bei denen die größte Aussicht auf eine erfolg- und ertragreiche Verwendung besteht. Umgekehrt markiert sie andere Unternehmen mit Rot, die sich als Fass ohne Boden erweisen, in denen das Geld also für unproduktive Zwecke versickert. Jede seriöse Inlandsbank ist eine Rating-Agentur im Kleinen.

 

Auch seriöse Banken können sich freilich irren – und das trifft auf Rating-Agenturen natürlich genauso zu. Die letzteren sind in Gefahr, sich besonders bei jenen Unternehmen zu irren, von denen sie sich für ihre Dienste bezahlen lassen. Doch selbst ohne diese finanzielle Abhängigkeit sind sie irrtumsgefährdet, da ihnen nichts anderes übrig bleibt, als die Kreditwürdigkeit einzelner Unternehmen aufgrund allgemeiner Kriterien zu bewerten. Wenn der Gewinn einer Firma stagniert, obwohl sich ihre Schulden vermehren, wird die Agentur ihr einen schlechten Rang zusprechen. Eine solche Bewertung kann aber aus verschiedenen Gründen irrig sein. So haben etwa manche japanische Unternehmen der ersten Nachkriegsjahrzehnte bei der Eroberung ausländischer Märkte jahrelang Verluste in Kauf genommen, bevor sie sich in die Schar der international potentesten Platzhirsche einreihten. Eine Agentur, die für ihre Bewertung einen Zeithorizont von einem Jahr ansetzt, hätte ihnen keine Chance gegeben, ja, selbst ein Horizont von fünf Jahren hätte bei vielen von ihnen dazu geführt, dass sie im Ranking ganz unten stehen. Solche Fälle von Falschbewertung sind niemals ganz auszuschließen. Schließlich bleibt es auch immer möglich, dass ein Unternehmen kurz vor dem Kollaps steht, aber ein Mitarbeiter im letzten Moment eine Produkt- oder Verfahrensidee ins Spiel bringt, die sein Schicksal grundlegend ändert. Eine ähnlich dramatische Wende wird bisweilen durch eine neue Unternehmensführung erreicht.

 

Hiermit betreten wir das Feld der menschlichen Psychologie. Auch bei Unternehmen spielt diese eine ausschlaggebende Rolle und engt das Feld einer objektiven (rein durch die Sachen bedingten) Bewertung ein. Das Beste, was eine Agentur zu erreichen vermag, ist dass sie in einer substanziellen Mehrheit von Fällen ein richtiges Urteil abgibt und dadurch Vertrauen erwirbt.

 

Eine wirklich herausragende Rolle kommt der Psychologie aber erst auf dem Gebiet der Staatsschulden zu. Trotz eines vergleichweise niedrigen Schuldenstandes von 60% muss Spanien mit einer Herabstufung seiner Staatspapiere auf Ramschniveau rechnen, was eine Zahlungsunfähigkeit des Landes zur Folge hätte. Japan mit einem vergleichsweise astronomischen Schuldenstand von über 200 Prozent lebt dagegen in größter Gelassenheit. Gegenwärtig erlebt der Yen keine Ab-, sondern im Gegenteil eine Aufwertung, weil so viele Anleger mit ihrem Geld nach Japan flüchten. Was macht die gewaltigen Staatsschulden des einen Landes zu einer Bagatelle, die eines anderen zu einer existenziellen Bedrohung?

 

Die Antwort ist – weitgehend – Psychologie. Die Weltöffentlichkeit – und mit ihr die Agenturen -wissen, dass die spanischen Anleger bei jedem Gerücht, das die Zahlungsfähigkeit ihres Staates ernsthaft in Zweifel zieht, ihre Papiere umgebend abstoßen und in sichere (ausländische) Anlagen umsteigen werden. Die entscheidende Grundlage für die Sicherheit der spanischen Papiere ist daher die psychische Verfassung der Anteilseigner.

 

Theoretisch könnten Japaner auf ein Gerücht von der möglichen Zahlungsunfähigkeit ihres Staates genauso reagieren wie die Gläubiger in Spanien, Griechenland oder Italien, indem sie die Papiere panikartig verkaufen und deren Wert dadurch zum Absturz bringen. Doch in Japan ist das nicht zu erwarten, und zwar aufgrund einer andersartigen Psychologie. Die Bürger wissen sehr wohl, wie hoch der Staat sich bei ihnen verschuldet hat. Sie wissen auch, wie niedrig die Zinsen sind – so niedrig, dass es praktisch keinen Unterschied macht, ob man sein Geld nun zur Bank trägt oder zu Hause in einem Tresor verwahrt. Trotzdem bringen die Japaner es weiterhin zur Bank und geben ihrem Staat damit die Möglichkeit, die alten Schulden mit neu aufgenommenem Geld zu bezahlen (Roll-over). Vermutlich wissen sie auch, dass sie irgendwann gezwungen sein werden, als Gläubiger zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten zu müssen. Aus einem einzigen, aber entscheidenden Grund sind sie bereit, dies alles hinzunehmen: Es ist ihr Staat, und den meisten Bürgern ist es mindestens ebenso um das Wohl ihres Landes wie um das eigene zu tun.

 

Die Psychologie oder Mentalität spielt also eine entscheidende Rolle. Aber beruhen solche Warnungen nur auf Psychologie?

 

Keinesfalls. Nehmen wir an, dass ein Staat Schulden in der Höhe seines Inlandsproduktes anhäufte, Schulden, die von den reichsten 5 Prozent der Bevölkerung gehalten werden, die dafür 3% Zinsen verlangen. Die übrigen 95% müssen in diesem Fall zumindest ein dreiprozentiges Wachstum erzielen, damit sie nicht ärmer werden, weil die oberen 5% ja den ganzen Wachstumszuwachs kassieren. Nehmen wir ferner an, dass es sich um eine hochentwickelte Volkswirtschaft am Rande der Sättigung handelt, wo das Wachstum im Laufe der Zeit zwangsläufig gegen Null tendiert – und zwar schon aus dem ganz elementaren Grund, weil man die Zahl der Produktionsstätten und Flugplätze sowie das Straßen- und Bahnnetz nicht beliebig vergrößern kann. Wenn unter diesen Voraussetzungen die Gläubiger unbeirrt auf der Rückzahlung ihrer Einlagen und/oder unveränderten Zinsgewinnen beharren, so muss das System an irgendeinem Punkt kollabieren. Eine Rating-Agentur ist mit einer entsprechenden Warnung daher grundsätzlich im Recht.

 

Das gilt theoretisch schon zu Beginn einer solchen Entwicklung, wenn diese nämlich immer nur in einer einzigen Richtung verläuft, der einer steten Vermehrung der Schulden. Das trifft nicht nur auf Griechenland oder Spanien zu, sondern auch – das wird gewöhnlich verschwiegen – ebenso auch auf Deutschland. Auch hier hat sich in langfristiger Sicht die Schere zwischen Wachstumsraten und Verschuldung (im Verhältnis zum BIP) immer weiter geöffnet. Es ist klar, dass diese gegenläufige Bewegung nur eine einzig logische Folgerung zulässt. Irgendwann wird der deutsche Staat – nicht anders als Griechenland schon heute – zahlungsunfähig sein, sofern die Gläubiger nicht teilweise oder ganz auf ihre Forderungen verzichten. Wie wir wissen, steht aus denselben Gründen die Zahlungsunfähigkeit der USA unmittelbar bevor. Die Gläubiger – allen voran China – sind mit einer Entwertung ihrer Forderungen bedroht. Der amerikanische Staat wird sich nach klassischem Muster auf dem Weg der Inflation ent-schulden.

 

Was Deutschland betrifft, so liegt der Fall vorläufig noch anders. Keine der großen Rating-Agenturen bezweifelt die Fähigkeit der deutschen Regierung, ihre Schulden termingerecht mit den zugesagten Zinssätzen weiterhin zu bedienen – und das obwohl unter den genannten Voraussetzungen die künftige Zahlungsunfähigkeit des deutschen Staates so unabwendbar erscheint, wie sie jetzt schon in den Vereinigten Staaten ist. Eine Agentur würde sich im Gegenteil lächerlich machen, wenn sie deutsche Papiere zum gegenwärtigen Zeitpunkt herabstufen würde. Die Gläubiger wollen nämlich gar nicht wissen, was (ohne den Ausbruch unvorhersehbarer Krisen) in dreißig oder fünfzig Jahren geschieht. Sie sind froh, dass sie auf unmittelbar absehbare Zeit mit einer sicheren Rendite und Rückzahlung ihrer Einlagen rechnen können.

 

Auch das ist Psychologie. Vor allem, was sie unmittelbar bedroht, wollen die Leute sich warnen lassen, aber sie verdrängen das Wissen um eine fernere Zukunft. Dass auch ein vorläufig noch wirtschaftlich so kraftstrotzender Staat wie Deutschland die Kinder und gewiss die Enkel nicht mehr auszahlen kann, das interessiert sie gar nicht. Nach uns die Sintflut, das ist die Parole, die das staatliche Schuldenmachen seit einem halben Jahrhundert beherrscht.

 

Diese Ausführungen könnten den Eindruck erwecken, als wären sie ein Grundsatzplädoyer gegen Verschuldung. Das entspricht aber keinesfalls meiner Absicht. In vielen traditionellen Gesellschaften haben die Menschen ihr Geld gehortet, in Indien zum Beispiel die Frauen, die das Familienvermögen in Form von goldenen Ringen an Armen und Beinen trugen. Demgegenüber bestand die größte Errungenschaft der Eigentumsgesellschaft (des sogenannten Kapitalismus) gerade darin, dass jeder sein überflüssiges Geld voller Vertrauen (daher der Name Kredit) in die Hände derjenigen legte, die es für die Verwirklichung ökonomisch sinnvoller Ideen einsetzten und damit ihr eigenes, das Wohl des Geldgebers und indirekt auch das der Gesellschaft als ganzer beförderten. Wachstum und materieller Fortschritt sind eine direkte Folge verliehenen Geldes.

 

Dieses Vertrauen fehlte in Indien und ebenso in den meisten anderen traditionellen Gesellschaften. Niemand kam auf den Gedanken, sein eigenes Geld anderen anzuvertrauen. Die dafür nötigen Institutionen, also Banken und Börsen, konnten sich deshalb nur rudimentär entwickeln. Der Verleih von Geld diente fast ausschließlich der Behebung von Notsituationen, und es wurden Wucherzinsen verlangt, weil die Rückzahlung der Kredite stets unsicher blieb. Solche Gesellschaften kannten kein Wachstum.

 

Doch das Vertrauen in eine für alle Beteiligten ertragreiche Verwendung des auf Kredit verliehenen oder in Aktien deponierten Geldkapitals ist auch in modernen Gesellschaften ein recht zartes Pflänzchen. Vorhandenes Vertrauen kann man missbrauchen oder auch völlig zerstören. Im Kleinen ist das fortwährend der Fall, weil stets ein bestimmter Prozentsatz an Unternehmen Bankrott macht, und die Geldgeber dadurch ihren Einsatz verlieren. Das System wird dabei allerdings so lange nicht erschüttert, wie es sich um einen überschaubaren Prozentsatz an Ausfällen handelt. Banken, die ja gewöhnlich zwischen Sparern und Unternehmen stehen, rechnen von vornherein mit einem jährlichen Durchschnitt an Pleiten und sichern sich gegen diese Kreditausfälle mit entsprechend erhöhten Gebühren ab.

 

Anders verhält es sich mit den Schulden des Staates. Dieser kann geliehenes Geld produktiv investieren, wie Unternehmen es in der Regel tun. Dann investiert er in das Bildungssystem, die Infrastruktur, das Gesundheitssystem. Er befördert damit ein Wachstum, dass ihm dann später jenen Zuwachs an Steuermitteln verschafft, mit dem er seine Schulden wieder abtragen kann. Oder er handelt auf unverantwortliche Weise, indem er das geliehene Geld für Wahlgeschenke und den Konsum der Bürger verwendet. Wäre er den gleichen Risiken ausgesetzt wie Unternehmen, würde er auf diese Art schnell in die Pleite schlittern, doch kann er sich – anders als Unternehmen – dadurch behelfen, dass er seinen Bürgern immer höhere Steuern und sonstige Abgaben aufbürdet.

 

Doch gleichgültig, ob der Staat sich produktiv oder für Konsumzwecke verschuldet, wenn er die Schulden nicht in Zeiten einer besseren Konjunktur wieder zurückzahlt, tritt jener Effekt ein, der eine Rating-Agentur nach einiger Zeit auf den Plan rufen muss: Im Verhältnis zur volkswirtschaftlichen Leistung kommt es zu einer stetigen Aufblähung der Schulden. Der Kollaps ist voraussehbar. Nur der Zeitpunkt, wann er sich ereignet, wird von der Rating-Agentur wesentlich mitbestimmt. Ihre Bewertung ist selbst ein psychologisches Faktum, das als selbsterfüllende Prophezeiung die Krise zeitgleich mit der Bewertung herbeiführt.

 

Was ist gegen eine übermäßige Verschuldung zu tun? Da Schulden an und für sich kein Übel sind, sondern das Fundament, dem eine funktionierende Eigentumsgesellschaft ihr Wachstum und damit ihren Reichtum verdankt, kann es kein Allheilmittel geben. Einige Geldtheoretiker in der Gefolgschaft von Silvio Gesell hegen die Illusion, mit der Ablösung des Zinssystems ein Panaceum gefunden zu haben. Leider befinden sie sich damit im Irrtum. Zinsen sorgen zwar für eine bedeutend schnellere Umverteilung von unten nach oben, aber der von ihnen befürwortete Übergang zu einem System, wo man statt der Belohnung durch Zinsen die Verleihung von Geld dadurch fördert, dass man dessen Nichtverleihung (also das Horten durch Umlaufgebühren) bestraft, würde nichts daran ändern, dass ein Staat, der mehr und mehr Schulden anhäuft, diese irgendwann nicht mehr zurückzahlen kann – ganz gleich ob er die Gläubiger zusätzlich noch mit Zinsen belohnt oder nicht.

 

Übermäßige Verschuldung ist ein typisches Problem starker Schuldner. Ein gewöhnlicher Privathaushalt ist ein sehr schwacher Schuldner. Ihm wurde noch nie erlaubt, bestehende Schulden dadurch abzutragen, dass er sie mit neuerlichen Krediten von Seiten anderer Gläubiger bezahlt. Auch kleinere Unternehmen werden eher in die Pleite getrieben, als dass man ihnen einen derartigen „Roll-Over“ erlaubt. Großen Konzernen hingegen wird ein solches Vorgehen für eine begrenzte Zeit schon eher gestattet, weil man zwischen dem maximalen Verlust durch eine Pleite und der Möglichkeit abwägt, dass sie sich im letzten Moment vielleicht doch an eigenen Haaren aus dem Sumpfe ziehen werden.

 

Auch Entwicklungsländer, etwa in Afrika, zählen zu den schwachen Schuldnern, die man wie kleine Unternehmen behandelt. Ihr Besitz (Land, Rohstoffe, Steuereinnahmen etc) wird im Fall eines Staatsbankrotts erbarmungslos an die Gläubiger verpfändet. Nicht selten war dies wohl auch der zynische Zweck, mit dem man sie in die Verschuldung drängte. Nur große und starke Staaten befinden sich in einer weit besseren Position. Sie können über Jahre, nicht selten über Jahrzehnte, die alten mit neuen Schulden bezahlen und auf diese Weise ständig wachsende Schuldenberge anhäufen. Unzeitgemäße Warner (wie ich mit meinem Pyramidenspiel) finden da zunächst einmal wenig Beachtung. Denn die überwiegende Mehrheit seriöser Ökonomen hatte noch bis vor kurzem an diesem Prozess wenig auszusetzen, ja, die meisten von ihnen rieten dem Staat bei jedem Nachlassen der Konjunktur zu weiterer Schuldenaufnahme. Es bedurfte der weltweiten Schuldenkrise, um allen bewusst zumachen, dass eine solche Entwicklung von Anfang an auf ein Systemversagen hinsteuern musste.

 

Wenn das Systemversagen – die Krise – dann kommt, ist ein weiterer Gesichtspunkt entscheidend. Wie werden die Menschen damit fertig?

 

Auch das ist eine Frage der Psychologie. Japans Staatsanleihen wurden längst vor denen der US-Amerikaner herabgestuft, und zwar auf AAminus. Doch offensichtlich haben die Japaner damit kein Problem. Sie stehen zu ihrem Staat, was soviel heißt, dass die Einzelnen im Konfliktfall ihre Sonderinteressen den Zielen des Ganzen unterordnen. Obwohl der Staat praktisch keine Zinsen zahlt, sind die Japaner damit einverstanden, dass ihnen die Möglichkeit der Flucht in ausländische Anlagen verwehrt bleibt. Eine solche Flucht würde dem Einzelnen unmittelbaren Nutzen verschaffen, aber den sofortigen Bankrott des Staates bewirken.

 

Auch in Italien werden die Staatsschulden überwiegend von inländischen Gläubigern gehalten. Ein Italiener aber rettet im Zweifelsfall zunächst einmal die eigene Haut, zumal ihm diese Freiheit ohne Einschränkungen gewährt ist. Im Krisenfall wird er in ausländische Anlagen flüchten – ganz gleich, was dann mit dem Staat geschieht. Mit anderen Worten, er versteckt sich hinter der „Internationale der Gläubiger“ und horcht genau auf das, was ihre inoffiziellen Organe, die Rating-Agenturen, ihm raten.

 

Wir haben es hier mit einem uralten Konflikt zu tun: dem zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Autorität des Staates als Verteidiger des Gemeinwohls. Zu wenig Freiheit des Einzelnen bedeutet Stagnation, wie Bertrand Russell, einer der großen Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen bemerkte, aber, so setzte er mahnend hinzu, zu viel davon führe zum Chaos. Es komme auf das richtige Gleichgewicht an.

 

Die Schuldenkrise Europas liefert uns den Beweis, dass wir das richtige Maß zwischen den legitimen Ansprüchen des Einzelnen an den Staat und den Forderungen verloren haben, die der Staat im Sinne des Gemeinwohls an den Einzelnen stellen muss. So konnte es geschehen, dass die „Internationale der Gläubiger“ so viel Macht erlangte, dass der Blick auf das Gemeinwohl dabei verloren ging.

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