NPD-Dorf – Allein gegen den Nazi-Dreck

Donnerstag, 22. September 2011, 12:36
Bild: Laut gegen Nazis | Das Blog

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Jamel liegt wie eine Trutzburg in der mecklenburgischen Landschaft. Komplett umgeben von Wald, nur eine einzige schmale Straße führt zum Dorf. Sackgasse. Hier ist die Welt zu Ende. Und fast so sieht es auch aus. An einem Hauseingang pappen Klebeschildchen. «Für Familie, Volk und Heimat» steht da drauf. Der nächste Blick fällt auf einen Haufen Schrott. In Runenschrift wirbt der Schrotthändler, der inmitten des vermeintlichen Vorzeigedorfs der Neonazis seinen Müll sammelt, für Demontagen. Das passt zum Dorfbild (Sehen Sie dazu auch unsere Fotostrecke über diesem Text). Der Inhaber ist der Rechtsextreme Sven K.

Er saß nicht nur des Öfteren im Knast, sondern erwarb auch nach und nach die Häuser und Grundstücke in Jamel. Darin wohnen nun seine Gleichgesinnten und prahlen in der Szene mit ihrer national befreiten Zone. In den Vorgärten warten Kampfhunde. Es weht eine schwarze Fahne, in der Bushaltestelle haben die rechten Kameraden eine aufgehende Sonne aufgemalt. Nazis hatten mit diesem Symbol schon in den 1930er Jahren zeigen wollen, dass sie neues Licht und Hoffnung nach Deutschland bringen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eine Scheune ist kurz vor dem Zusammenbruch, davor treffen sich die Rechten, sitzen um ein Lagerfeuer und singen besoffen Lieder. «Sieg Heil»-Rufe schallen nicht selten durch das nächtliche Jamel.

40 Einwohner hat das Dorf. Mehr als 60 Prozent von ihnen sind Rechtsextreme. Und es sollen noch mehr werden. «Die Nazis produzieren viele Kinder, seit sie hier wohnen», klagt Birgit Lohmeyer. «Vorher gab es hier nur zwei Jugendliche.» Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann Horst mitten in der Nazi-Hochburg. Seit Jahren stemmen sie sich gegen die braune Übernahme. Seit Jahren sind sie die einzigen Aufrechten im Dorf.

Herr und Frau Lohmeyer, wie lebt es sich mitten unter den Nazis?

Birgit Lohmeyer: Wenn man nicht rechtsextrem ist, dann lebt man hier eher angefeindet. Als Außenseiter.

Wie äußert sich das konkret?

Horst Lohmeyer: Das äußert sich in Behinderungen im Straßenverkehr.Birgit Lohmeyer: Oder wir bekommen den typischen Gruß in den Briefkasten, mit einer toten Ratte. Ein Misthaufen ist uns in der Nacht auch schon in die Einfahrt gelegt worden. Und unser Rock-Festival, das wir jedes Jahr im August gegen Rechtsextremismus veranstalten, wird für gewöhnlich mit Sabotageakten überzogen. Mit Anzeigen, Beschwerden bei der Verwaltung, die nutzen alle Kanäle.

Stehen Sie mit Ihrem Kampf gegen Rechts wirklich alleine da oder gibt es noch den ein oder anderen Nachbarn, der Ihnen beisteht?

Birgit Lohmeyer: Am Anfang hatten wir vereinzelt noch Kontakt zu einigen Nachbarn. Aber inzwischen sind die meisten übergelaufen und haben sich mit den Rechten solidarisiert. Da findet mittlerweile mehr als nur ein Gespräch über den Gartenzaun statt. Sie führen jetzt zusammen Hunde aus.

Eigentlich kommen Sie aus Hamburg. Warum haben Sie sich überhaupt in Jamel ein Haus gekauft?

Birgit Lohmeyer: Man muss die Vorgeschichte kennen: Als wir das Haus gekauft haben, lebte Herr K. hier alleine. Die Situation, dass mehr als 60 Prozent der Dorfbewohner rechtsextrem sind, war damals anders. Er hat erst später Häuser hinzugekauft. Sonst denkt man ja: Sind die Lohmeyers doof? Wieso kaufen sie dort ein Haus? Das war damals nicht so. Die Entwicklung war für uns nicht einschätzbar.

Aber wieso gehen Sie jetzt nicht einfach weg?

Birgit Lohmeyer: Wir haben hier unser Zuhause. Wir haben Freunde und Bekannte, zwar nicht im Dorf selber. Aber im Umkreis leben sehr viele nette Menschen.

Haben Sie denn keine Angst?

Birgit Lohmeyer: Es wäre unklug, keine Angst zu haben. Also sind wir sehr wachsam. Wegen der vielen Mobbingaktionen denkt man schon jedes Mal darüber nach, wenn man zum Briefkasten geht: Was ist jetzt wieder los? Welchen Zettel muss ich jetzt abreißen? Ein Grundunwohlsein hat man, wenn man hier lebt.Horst Lohmeyer: Es hat sich auf der anderen Seite aber auch ein Pool gebildet mit Leuten, die uns hier unterstützen. Das gibt uns natürlich auch Kraft.

Kraft braucht das Ehepaar. Mit vielen Aktionen haben sie auf die rechten Untriebe in Jamel bundesweit aufmerksam gemacht. Um gegen die Neonazis mobil zu machen, organisieren die beiden seit 2007 auf ihrem Gehöft das Festival «Jamel rockt den Förster». Dabei bekommen sie mittlerweile Unterstützung aus der benachbarten Gemeinde. Die Landrätin hilft mit Genehmigungen, der Bürgermeister von Gägelow lässt seine Mitarbeiter die Rasenflächen mähen. Mit Erfolg: Bis zu 200 Besucher lockt das Festival bereits an. Die Lohmeyers sind zufrieden, auch wenn der richtige Kultcharakter noch auf sich warten lässt. «So etwas dauert acht, neun Jahre», sagen sie.

Was genau bedeutet das Festival für Ihren Kampf gegen Rechts? Ist es eher als Provokation für die Rechten gemeint oder als eine Art eine Lebensversicherung für Sie?

Birgit Lohmeyer: Es ist für uns das beste Mittel, unser Dorf nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das ist unser Ziel. Wir wollen Menschen nach Jamel locken. Alle sollen sehen, wie es in dem Dorf aussieht, in dem Sven K. und seine Leute das Ruder vermeintlich herumgerissen haben. Wie sieht denn das nationalistische Dorfleben aus, wie sie sich das wünschen und vorstellen?

Angesicht der Schrotthaufen und der verfallenden Häuser ahnt man nichts Gutes.

Birgit Lohmeyer: Das Dorf spricht für sich. Jeder, der hineinfährt, sieht sofort, dass Jamel kein Musterdorf ist. Wenn das ein Musterdorf für nationalsozialistische Untriebe sein soll, dann wird sich wahrscheinlich niemand wünschen, hier freiwillig zu leben. Dafür wollen wir die Aufmerksamkeit wecken. Das ist die größte Schwierigkeit. Denn wir stellen fest, dass hier in der Bevölkerung eine große Grundträgheit herrscht, sich einzumischen. Auch aus Angst vor dem NPD-Terror natürlich.

Scheinbar mühelos hat sich die NPD in Mecklenburg-Vorpommern verankert. Sie unterwandert Kinderkrippen und Jugendfeuerwehren. Finanziert wird der braune Spuk zum Teil durch die Gelder der Landtagsfraktion. Bereits zum zweiten Mal hintereinander sitzen braune Kameraden im Schweriner Landtag. Bei der vergangenen Landtagswahl konnte die NPD ihre Hochburgen verteidigen. Allein in der Gemeinde Koblentz holte die rechtsextreme Partei 33 Prozent der Stimmen. Angesichts solcher Ergebnisse reagieren die Politiker der demokratischen Parteien zunehmend ratlos.

Lesen Sie auf Seite 2, ob die Lohmeyers von der Politik enttäuscht sind

Fühlen Sie sich von der Politik eigentlich im Stich gelassen?

Birgit Lohmeyer: Mittlerweile hat sich viel getan. Ohne unbescheiden zu sein: Vielleicht auch, weil wir die Trommel gerührt haben in der Öffentlichkeit. Derzeit kann keine Verwaltung mehr die Augen verschließen.

Was heißt das für die Bekämpfung des rechten Problems in Mecklenburg-Vorpommern? Es muss erst eine private Initiative geben und dann springt der Politiker mit auf? Und nicht umgekehrt?

Birgit Lohmeyer: Es ist ja gut, dass sie überhaupt aufspringen. Wir sind darüber nicht unglücklich. Wobei wir natürlich auch jetzt wieder beobachten können, dass die Wahl vorbei ist. Jetzt muss man mal schauen, wie die Aktivitäten in nächster Zeit aussehen werden.

Was würden sich sich von der Politik wünschen? Welche Aktivität müsste kommen, um die befreite Zone zurückzuerobern?

Birgit Lohmeyer: Das ist schwierig. Das wichtigste ist das NPD-Verbot, damit wir nicht länger mit unseren Steuergeldern diese unsäglichen Verfassungsfeinde finanzieren. Dadurch würde man natürlich nicht die Ideologie aus den Köpfen bekommen. Aber man würde den großen finanziellen Spielraum, den sie mittlerweile haben, einengen.

Hatten sie mal Phasen, wo sie nicht mehr die Kraft hatten, um in der vordersten Front zu kämpfen?

Birgit Lohmeyer: Natürlich denkt man zwischendurch: Boah, warum tun wir uns das noch an? Aber diese Phasen sind sehr kurz. Es ist dann unser demokratischer Trotz, der immer wieder durch die Rechtsextremen angefacht wird. Und mein Mann sagt immer: Man wächst mit den Aufgaben.Horst Lohmeyer: Nach oben haben wir noch viel Luft.

Birgit und Horst Lohmeyer betreiben in Jamel bei Wismar den Forsthof. Vor ihrem Umzug nach Mecklenburg-Vorpommern lebte das Ehepaar in Hamburg. Seit 2007 kämpfen sie mit dem Musik-Festival «Jamel rockt den Förster» gegen die NPD in ihrer Gemeinde. Für ihr Engagement wurden die Schriftstellerin und der Musiker bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage und dem Bürgerpreis der Deutschen Zeitungen.

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