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SUCHT IN UNSERER GESELLSCHAFT

von Dieter Carstensen
Als Sozialarbeiter beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema „Sucht in unserer Gesellschaft“. Für mich ist das Alltag und ich möchte mit diesem Beitrag keinen wissenschaftlichen Artikel schreiben, sondern vielmehr die Suchterkrankungen bei uns in Deutschland mal mehr aus Sicht der Betroffenen und meinen Erfahrungen mit Ihnen beschreiben. Ich verzichte daher auf Zitate und Verlinkungen, ich denke, meine Erfahrungen und die der Betroffenen, reichen aus, um einen Überblick zu geben, in ein „TABUTHEMA“ unserer Gesellschaft. Alle Namen und Daten der Erwähnten habe ich geändert, zu Ihrem Schutz, aber die Aussagen sind wahrheitsgemäß wiedergegeben.

Angehörige stellen sich meist als erstes z.B. die Frage: „Was ist los? Unser Sohn, unsere Tochter, mein Mann, oder meine Frau, trinken die nicht ein wenig zu viel und warum?“ Eine Antwort darauf werden sie nie finden, zumal es viele Formen der Sucht gibt, von Sexsucht, über Spielsucht, bis hin zur Machtsucht (z.B. Politik) oder Geldsucht (z.B. Banker). Die Sucht hat viele Gesichter und ist eines der grossen Phänomene der Menschheitsgeschichte. Auch Schokolade oder Süssigkeiten z.B. können zur Sucht werden.

Streng genommen, betrachtet die Allgemeinmedizin nur das als Sucht, was körperlich und geistig abhängig macht. Die Sozialwissenschaft sieht das heute anders, dort wird auch als Sucht angesehen, was „nur“ psychisch abhängig macht.

Nehmen wir z.B. die scheinbar harmlosen Antidepressiva, welche psychisch abhängig machen und in 95 % der Fälle, nach allen einschlägigen Untersuchungen, überflüssigerweise ärztlich verschrieben werden, die Geilheit auf politische oder finanzielle Macht oder das Herrschen über andere Menschen wollen, was meist schon im kleinsten sozialen Umfeld, der eigenen Familie anfängt.

So nähern wir uns dem eigentlichen Thema, wenn wir diese Zusammenhänge als Grundlage meines eigentlichen Anliegens sehen:

Ich halte diese Gesellschaft für durch und durch suchtkrank! Und darin liegt das Hauptproblem:

Wir leben in einer kranken und durch und durch suchtkranken Gesellschaft!

Natürlich werden dies die meisten Leserinnen und Leser dieser Zeilen empört von sich weisen, da niemand gerne zugibt, in der einen, oder anderen Form suchtkrank zu sein. Welcher Politiker, welcher Banker möchte schon zugeben, dass sich in seiner Geld- und/oder Machtsucht kaum von z.B. einem Drogensüchtigen in Frankfurt/M., einem Alkoholiker in Köln, oder einem fettleibigen Menschen, der seine Fresssucht nicht mehr unter Kontrolle hat, eigentlich, vom Suchtpotential her, unterscheidet?

Nachweislich hatte ich ja die letzten Monate viel in Hessen mit Suchtkranken zu tun. Wo genau, das schreibe ich zum Schutz der Beteiligten hier nicht, wie o.a., aber ich darf mit ausdrücklichem Einverständnis der Betroffenen ihre Aussagen hier zitieren, mit verändertem Namen und leicht geänderten Lebensdaten.

Als Sozialarbeiter würde ich so was nie machen, ohne Einverständnis aller Beteiligten, es wäre gegen mein Berufsethos, ich würde sonst Menschenleben gefährden.

Paul* , 45 Jahre, ist ein sehr bekannter Politiker in einer linken Partei. Hochgradiger Alkoholiker, 6 Entgiftungen in Kliniken hinter sich, er wollte die Gesellschaft verändern! Toll! Nun war seine Frau mit den Kindern weg, er ist nahezu pleite. „Ja“, sagte er zu mir, „Dieter wir brauchen doch soziale Gerechtigkeit und ich kann nicht anders, ich will dafür kämpfen.“

Ich habe ihm dann erklärt, dass er nicht gegen Windmühlenflügel ankämpfen kann, sondern erst mal seine Machtlosigkeit gegenüber seiner Alkoholsucht eingestehen sollte, dann seine Machtlosigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Realitäten und dann erst mal neu lernen müsse, nämlich im Kleinen anfangen, zunächst bei seiner Familie und seinen Süchten.

Paul* hat mich viel Kraft gekostet, aber seine Frau hat ihm mittlerweile verziehen, er verzichtet zukünftig auf die Politik, hat seine gut bezahlten politischen Posten abgegeben und arbeitet nun wieder in seinem eigentlichen Beruf als Handwerker.

Er hat scheinbar akzeptiert, dass es Wichtigeres als Macht und Posten gibt.

Miriam*, 36 Jahre, ist Krankenschwester, alkohol- und medikamentenabhängig. Sie hat 2 Suizidversuche hinter sich, die Ärzte sahen für sie als letzten Ausweg als Ergänzung zu den verordneten Antidepressiva nur eine ergänzende Lithiumtherapie, welche wirklich das letzte Mittel ist, siehe unter Google dazu, da jede Unter- oder Überdosierung lebensgefährlich ist.

„Dieter“, sagte Miriam zu mir, „ich halte den Stress in der Klinik nicht mehr aus! Jeden Tag sehe ich das Leid der Patienten, wir haben aber immer weniger Personal im Klinikum, es werden nur weiter Stellen abgebaut, wir schuften bis zum Umfallen und dabei habe ich mir doch nen Beruf ausgesucht, wo es um Hilfe und Nächstenliebe gehen sollte.“

Sie hat mehrmals bitterlich in meinen Armen geweint, ich konnte ihr auch ein wenig Trost geben, aber sie hat mir eines vor Augen geführt:

Wie unmenschlich will diese Gesellschaft eigentlich noch werden?

Ich konnte Miriam einen Ausweg vermitteln, sie hat eine neue Stelle in einem anderen Krankenhaus bekommen, wo wir aber direkt gesagt haben, das und das ist passiert, sie kann nur noch das und das. Sie zukünftig für die Krankenhausdesinfektion zuständig, macht da gerade ne Umschulung und ich hoffe von Herzen, dass sie es schafft.

Sind in Deutschland alle irre geworden, das unmenschliche Arbeitsverhältnisse über Menschenleben stehen?

Josef*, 54 Jahre, alkoholkrank, kommt aus der ehem. DDR. Er hat jahrelang als Bergmann im Kalibergbau gearbeitet, dann nach dem Wegfall der DDR als Verkäufer in einem Medienmarkt in Bayern. Der Mann kann kaum noch laufen, hat sich kaputt gearbeitet, aber die Erwerbsunfähigkeitsrente wurde ihm verweigert.

Ich bin mit ihm öfter spazieren gegangen, nach 250 Metern ging ihm die Puste aus, dann brauchte er Pause.

Er sagte mal zu mir: „Dieter, ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, bin nie was schuldig geblieben, aber wo ist diese Gesellschaft, wenn ich mal Hilfe brauche? Ich bettel nach nicht, habe nach der Wende auch in die Rentenversicherung West eingezahlt und kann nicht mehr!“

Wir haben gemeinsam eine Lösung für ihn gefunden, seine Erwerbsunfähigkeitsrente ist jetzt durch, er rief mich gestern an, wollte sich bedanken, aber da war nichts zu danken. Wofür? Ich habe mich aber sehr gefreut, über seinen Anruf, das war Dank genug, dass ich erfahren durfte, dass es ihm gut geht.

Die kapitalistische Produktionsweise ist menschenverachtend und falsch!

Das ist meine Schlussfolgerung aus dem vorstehend Geschilderten.

Sie gefährdet Menschenleben, entfremdet Menschen von ihrer Arbeit, macht sie krank, suchtkrank, todkrank!

Wofür? Für ein paar Autos, ein bisschen Urlaub, ein bisschen „shoppen“ gehen? Ist es das wert, dass unsere Gesellschaft Menschen opfert, für offensichtlichen Wahnsinn?

Es lohnt sich, zumindest für mich, sich mit suchtkranken Menschen zu unterhalten, sie ernst zu nehmen und ihnen sehr gut zuzuhören.

Ich durfte dadurch lernen:

Nicht die Suchtkranken sind das Problem, sondern die Gesellschaft, die sie dazu macht