Amazon: „Abzocke“ schlimmer als bisher bekannt

Sonntag, 20. November 2011, 22:57

Bonn/Werne – Seit Wochen reißen die Schlagzeilen über „Ausbeutung“ oder „kostenlose Probearbeiter“ in den Logistikzentren des Internetgiganten Amazon nicht ab. „Skandalöse Praktiken bei der Beschäftigung von Aushilfen„, kritisierte der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) am 10. November. Im Oktober war im Internetforum des Erwerbslosen Forum Deutschland bekannt geworden, dass in NRW bei Amazon in Werne und Rheinberg für das Weihnachtsgeschäft tausende Arbeitslose befristet für drei Monate eingestellt werden, nachdem sie vorher zwei Wochen ohne Lohn zur Probe arbeiten sollen. Nach Angaben des Sprechers der Regionaldirektion NRW der Arbeitsagentur, Werner Marquis hat Amazon 2010 „durch die Regelung etwa 950.000 Euro“ gespart.

Nun erhebt das Erwerbslosen Forum Deutschland erneute schwere Vorwürfe gegen den Internetgiganten und wirft ihm vor, dass die Form des „Abzockens“ schlimmer als bisher bekannt ist. Dieselben Saisonkräfte hätten demnach sowohl im letzten Jahr als auch in diesem Jahr jeweils ein zweiwöchiges Praktikum machen müssen, obwohl sie die Betriebsabläufe kannten. Auch verglichen derzeit  Beschäftigte die Arbeitsbedingungen mit denen eines „Arbeitslagers“.

Systematisches Abgreifen von staatlichen Fördermitteln

Hans-Peter Klein (Name von der Redaktion geändert) war bereits im vergangenen Jahr in der Zeit vom 15. November bis 31. Dezember als Versandmitarbeiter bei Amazon in Werne beschäftigt. Bezahlt wurde jedoch nur der Dezember und dann gab es keine weitere Arbeit mehr. Im Sommer dieses Jahres schrieb Amazon erneut Stellen für Saisonkräfte aus und Hans-Peter Klein bewarb sich. Eine Stelle als Versandmitarbeiter bekam er jedoch nur unter der Bedingung, dass er erneut 14 Tage umsonst arbeiten musste, obwohl er die betrieblichen Abläufe noch gut genug kannte und er diesmal auch nicht eine sogenannte betriebliche Maßnahme vom Jobcenter zugewiesen bekommen hatte. Amazon sorgte dafür, dass genau diese Maßnahme des Umsonstarbeitens nachträglich vom Jobcenter abgesegnet wurde, weil Hans-Peter Klein zu diesem Zeitpunkt arbeitslos war.

Ich bezeichne so etwas als systematisches Abgreifen von Fördermitteln. Damit werden den Sozialversicherungen hohe Beiträge vorenthalten und den Mitarbeitern der Lohn. Amazon geht es nicht um die Einarbeitung von Mitarbeitern, sondern ausschließlich um Gewinnmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit und der Mitarbeiter. Derzeit geht die Personalrekrutierung auch ohne Praktikum, nachdem die öffentliche Debatte die Arbeitsagenturen dazu veranlasst hatte, das Verfahren des ‚Umsonstarbeitens’ zu stoppen“, so Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forum Deutschland.

Erhebliche Überkapazitäten an Reservepersonal?

Auf eine Anfrage über die Praktiken bei Amazon antwortete der Konzern einer Bonner Bürgerin: Bewerber, die über die Arbeitslosenvermittlung zu uns kommen, erhalten für eine kurze Trainingszeit (die Dauer wird von der Agentur für Arbeit festgelegt) weiterhin ihre Bezüge von der Agentur für Arbeit, da das Training die Wiedereingliederungsaussichten in den Arbeitsmarkt verbessert.

“ Willy Schmitz (Name von der Redaktion geändert) kann diese Aussage kaum nachvollziehen. „Derzeit wird im Lager Werne dermaßen viel Überkapazität aufgebaut, dass ich schon mehrfach einfach freigestellt wurde. Was nichts anderes heißt, als dass ich nach Hause gehen kann oder gar nicht erst zu kommen brauche. Es gibt für diese Massen an Versandmitarbeitern – so die einheitliche Berufsbezeichnung – schlicht nicht genügend Arbeit. Das hält diese Firma aber nicht davon ab, unablässig weitere Bewerbungsrunden zu veranstalten.“

Nach seiner Ansicht ist es völlig unwahrscheinlich, dass auch nur ein Bruchteil dieser Leute übernommen werden kann. Das Werk hätte ja noch nicht einmal jetzt, in der frühen Vorweihnachtszeit, genug Auslastung um alle zu beschäftigen. Dennoch würde Amazon in Werne zur Zeit jeden Bewerber einstellen, auch wenn einer dazu offensichtlich völlig ungeeignet erscheinen würde. Ein Lebenslauf oder sonstige Qualifikationen wären nicht notwendig. Amazon ginge es wahrscheinlich nur darum, genügend Reserven für die kritischen Tage, kurz vor und über Weihnachten zu haben. „Wenn der Sprecher der Regionaldirektion NRW der Arbeitsagentur, Werner Marquis von einem Erfolg spricht und darauf verweist, dass die unbezahlten Praktika ein Erfolg wären, so zeigt die Lage in Werne nur zu deutlich, dass Amazon keine staatlich geförderten Maßnahmen braucht, weil das Unternehmen die Arbeitskräfte auf jeden Fall braucht, egal welche Voraussetzungen ein Bewerber mit sich bringt“, so Behrsing weiter.

Angst unter den Mitarbeitern

Die Angst unter Amazonmitarbeitern ist groß, wie Report Mainz bei Recherchen herausfand. Amazon-Mitarbeiter der Standorte Leipzig und Bad Hersfeld hatten dem Sender berichtet, dass sie teilweise über mehrere Jahre immer wieder befristete Arbeitsverträge bekommen hätten und aus Furcht, nach dem Auslaufen des Vertrags nicht übernommen zu werden, trotz Krankheit zur Arbeit erschienen waren. Amazon scheint diesen Trick auszunutzen, um sich an die Zusicherung zu halten, wonach bei Vertragsverlängerung über 12 Monate der Stundenlohn von 9,65 auf 11 Euro erhöht wird. Selbst die meisten „Co-Workers“, wie der Konzern die Vorarbeiter bezeichnet, arbeiten nur mit befristeten Verträgen und geben diesen Druck an die Versandmitarbeiter weiter.

Totale Kontrolle und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

Laut Berichten von Angestellten in Werne ist die Mitnahme von persönlichen Sachen zum Arbeitsplatz nicht gestattet. Außer einer Flasche Wasser darf nichts mitgebracht werden. Armbanduhren, Gürtel, Portemonnaie, Autoschlüssel oder ein Butterbrot müssen in einem Raum deponiert werden, ohne dass alle Mitarbeiter einen abschließbaren Spind haben. Dafür darf dann der Arbeitsplatz 6 Stunden nicht verlassen werden. Wer beispielsweise zur Toilette will, muss sich das genehmigen lassen. Überhaupt würde darauf geachtet, dass ständig Höchstleistung gebracht würde und man wird ständig überwacht, so Willy Schmitz. Wer sich nicht genau an die Vorgaben von Amazon hält, riskiert Negativpunkte, die dann  für jeden sichtbar an einer an der Kleidung zu befestigten Identitätskarte verzeichnet werden. Wer während der Arbeitszeit raucht, wird sofort entlassen. Eine Pause von 45 Minuten gibt es erst nach sechs Stunden. Diese reduzieren sich aber – laut Aussagen von Mitarbeitern – auf 15 Minuten, da der Weg zur Kantine einfach zu weit sei. Hans-Peter Klein berichtete, dass er in diesem Sommer zum Teil bei Temperaturen von 40 Grad hätte arbeiten müssen. Auch hier schien Amazon die Betriebskosten auf Kosten der Mitarbeiter gesenkt zu haben, indem einfach die Energie für die Klimaanlage reduziert wurde. Mitarbeiter die vor Amazon in dem gleichen Gebäude bei Ikea gearbeitet hatten, hatten niemals derart hohe Temperaturen im Lager erlebt.

Doch scheint der Vorfall in Werne kein Einzelfall bei Amazon zu sein. Laut „Süddeutscher Zeitung“ (11. November) waren auch im Sommer die Arbeitsbedingungen bei Amazon in den USA in die Kritik geraten. Eine Lokalzeitung aus Pennsylvania hatte Arbeiter in einem Lagerhaus interviewt, die von unerträglicher Hitze an ihrem Arbeitsplatz berichteten. Dabei waren viele Amazon-Mitarbeiter in Krankenhäusern gelandet. Doch statt etwas gegen die Hitze zu unternehmen, habe Amazon einfach Ambulanzwagen vor der Tür warten lassen – für den nächsten kollabierenden Mitarbeiter. Manche der betroffenen Angestellten sollen angeblich noch diszipliniert worden sein, weil sie ihren Arbeitsplatz verlassen hätten.

Privater Sicherheitsdienst kann willkürlich sofortige Kündigungen aussprechen

Für die Bewachung und die Sicherheit von Amazon in Werne sorgt die Unternehmensgruppe Kötter Services und dessen Security-Mitarbeitern, deren Löhne oftmals unter dem Hartz IV-Niveau liegen. Dennoch kann diese Security jederzeit den Amazonmitarbeitern mündlich fristlose Kündigungen aussprechen, ohne dass es irgendwelche Einspruchsmöglichkeiten gibt. Die Kötter-Leute sollen dann für ein sofortiges Hausverbot sorgen. Ob die Kündigung dann schriftlich von Amazon bestätigt wird, ließ sich von der Redaktion nicht ermitteln. Laut Arbeitsvertrag kann Amazon während der ersten drei Monate den Vertrag mit einer Frist von einem Tag kündigen. Nach Ablauf der ersten drei Monate beginnt dann erst die sechsmonatige Probezeit. Das heißt nichts anderes, dass der Internetgigant neun Monate Mitarbeiter unter erleichterten Bedingungen loswerden kann, ohne dass es einer Angabe von Gründen bedarf.(*)

Heike Schmitt von Amazon beantwortete die Fragen einer Bonner Bürgerin zu den beanstandenden Formen der Arbeitsbedingungen lapidar: „Die aktive Kommunikation mit allen Mitarbeitern ist für uns entscheidend – und wir haben in den Logistikzentren verschiedene Foren und Möglichkeiten geschaffen, direkt mit allen Mitarbeitern oder ihren Vertretern dem Betriebsrat zu kommunizieren. Wir arbeiten jeden Tag daran uns zu verbessern, das ist nur dank der Unterstützung unserer Mitarbeiter die sich einbringen möglich.

„Für Hans-Peter Klein, Willy Schmitz und viele andere Amazonmitarbeiter klingt das wie Hohn. Für sie sind die Arbeitsbedingungen nur menschenunwürdig. Kommunen, in denen der Konzern Logistikzentralen aufgebaut hat, haben keinen Grund in Jubel über die Ansiedlung derartiger entrechtete Arbeitsplätze auszubrechen. Wenn ehemalige Mitarbeiter die Arbeitsbedingen mit denen eines Arbeitslagers vergleichen, kann ich das zum Teil nachvollziehen. Staatliche Förderung für Arbeitsplätze hat Verantwortung für menschenwürdige Arbeitsplätze und die hat unserer Ansicht bei Amazon versatg. Der Internetversandhandel wirbt damit, dass Ziel sei, das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein. Ich glaube, dass informierte Kunden entscheiden werden, wo sie was kaufen wollen“, so Behrsing in Bonn.

* https://www.elo-forum.net/wp-content/uploads/2011/11/amazon_arbeitsvertrag.pdf

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